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Malaria, HIV und Tuberkulose sind keineswegs verschwunden

Interview mit Naomi Wanjiru aus Kenia, zur Vorbereitung unserer Konferenz "Global Health Champion Germany? Von HIV zu SARS-CoV-2. Was haben wir (nicht) gelernt?"

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Die Krankenschwester und Community Aktivistin Naomi Wanjiru aus Kenia spricht über ihre Tuberkulose Infektion, Stigma und Diskriminierung im Zusammenhang mit TB, Armut und Behandlungsmöglichkeiten im globalen Süden und die Rolle des Globalen Fonds, insbesondere in der Unterstützung vulnerabler Communities, ohne dessen Hilfe sie nicht überlebt hätte. Text: Axel Schock. Photos: Naomi Wanjiru

Naomi Wanjirus Engagement im Kampf gegen die Tuberkulose ist mit einem hohen persönlichen Preis verbunden: Die Krankenschwester hatte sich bei ihrer Arbeit mit dem Erreger infiziert und war schwer erkrankt. Doch diese Erfahrungen haben sie darin bestärkt, sich noch mehr für eine bessere Versorgung und gegen die Stigmatisierung der Krankheit zu engagieren.

Seit mittlerweile zwölf Jahren arbeitet Naomi Wanjiru als Krankenschwester in einem Comprehensive Care Centre, und das weiterhin mit Liebe zu ihrem Beruf. „Es beflügelt mich immer wieder zu erleben, wenn ein Patient nach Monaten der Behandlung das Krankenhaus als geheilt verlässt“, erzählt Naomi Wanjiru. Dass sie auch heute noch in einer auf HIV-und Tuberkulose-Erkrankungen spezialisierten Klinik arbeitet und nicht den Bereich gewechselt hat, ist so selbstverständlich nicht. Denn kaum ein Jahr, nachdem sie dort 2009 ihre Arbeit begonnen hatte, litt sie unter starken Rückenschmerzen, die sich durch nichts lindern ließen. Erst nach vielen Monaten und zahlreichen Untersuchungen – mittlerweile konnte Naomi Wanjiru vor Schmerzen kaum mehr gehen – führte eine Kernspintomographie zu einer Diagnose: Sie litt an einer sogenannten extrapulmonalen Tuberkulose. Betroffen war nicht wie gewöhnlich die Lunge, sondern die Entzündung hatte sich in der Lendenwirbelsäule festgesetzt.

Eine Fehldiagnose mit eheblichen Auswirkungen

Dass ausgerechnet in einer auf Tuberkulose spezialisierten Klink die Krankheitsursache so lange nicht gefunden wurde, war nur schwer verständlich. Für Naomi Wanjiru aber stellte sich eine viel existentiellere Frage: „Wie sollte ich eine Behandlung bezahlen? Als ich die Diagnose erhielt, war ich im Begriff mich einfach aufzugeben.“

Doch sie gab nicht auf, sondern kämpfte. Mehr als zwei Jahre dauert schließlich die Behandlung. Denn, wie sich nach Abschluss der Erstlinien-Therapie zeigte, waren die Schmerzen immer noch nicht verschwunden, die Ursache dafür war eine multiresistente Tuberkulose.

Die Wirbelsäule war zuletzt so stark geschädigt, dass die betroffenen Wirbel entfernt und durch Metallplatten ersetzt werden mussten, um ihren Rücken zu stützen. Die notwendige Operation konnte in Indien durchgeführt werden, ermöglicht wurde sie durch eine von Freund*innen und Familienangehörigen initiierte Spendenaktion.

Malaria, HIV und Tuberkulose trifft besonders sozial Schwache

Doch mindestens ebenso wichtig war, dass zuvor ihre Tuberkulose überhaupt therapiert wurde. „HIV, Malaria und Tuberkulose haben unser ohnehin ökonomisch schwaches Land stark getroffen“, sagt Naomi Wanjiru. Und besonders gefährdet seien vor allem Menschen der unteren

Einkommensschicht, also jene, die sich keine teure Krankenversicherung und damit keine gute Gesundheitsversorgung leisten können. „Ich lebe nur noch, weil es den Global Fund gibt“, sagt Naomi Wanjiru ganz unmissverständlich. „So wie mir geht es Millionen Menschen allein in Kenia. Durch die Unterstützung des Global Fund haben wir wieder eine Zukunft erhalten.“

Durch den Global Fund wurden nicht nur die Medikamente zur Verfügung gestellt, sondern auch die Infrastruktur für die Behandlung und Betreuung von Tuberkulose-Erkrankten. Finanziell gefördert werden zum Beispiel psychosoziale Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen wie auch die Versorgung von bedürftigen Erkrankten mit Nahrungsmitteln.

Vorbild und Mutmacherin

Wie wichtig solche Strukturen sind, macht Naomi Wanjiru an ihrem eigenen Beispiel deutlich. „In der schlimmsten Phase konnte ich über ein Jahr nicht einmal gehen, und doch habe ich keine einzige Dosis meiner Medikamente verpasst, weil ich von Mitarbeiter*innen einer Community-Einrichtung zuhause aufgesucht wurde.“ Das habe ihr nicht nur die Stärke und Hoffnung durchzuhalten gegeben und Schritt für Schritt wieder ins Leben zurückzufinden, sondern sie auch darin bestärkt, ihre eigenen Erfahrungen zu nutzen. „Ich habe überlebt und bin ein lebendes Beispiel dafür, dass man selbst von einer schweren Tuberkulose geheilt werden kann“, sagt Naomi Wanjiru. „Das ist ein schlagkräftiges Argument, um andere Menschen davon zu überzeugen, dass es wichtig ist, Hilfe zu suchen und die Medikamente zu nehmen, und zwar nach Vorschrift und ohne Unterbrechung“, erklärt die zweifache Mutter.

Naomi Wanjiru spricht deshalb auch in ihre Klinik gegenüber den Patienten*innen offen über ihre eigene Krankengeschichte. Aber sie möchte auch darüber hinaus die kenianische Gesellschaft inspirieren. Zum einen, damit mehr gegen Tuberkulose unternommen wird, zum anderen aber auch, um gegen die Stigmatisierung anzugehen. Auch da spricht Naomi Wanjiru aus Erfahrung. Sie hat erlebt, dass Krankenpflegedienste sie aufgrund ihrer Tuberkulose nicht zuhause aufsuchen wollten und sie sich daher die Injektionen selbst geben musste. Aber auch die Selbststigmatisierung ist ihr nicht fremd. Aus Angst vor Ausgrenzung hat sie lange Zeit gegenüber anderen Menschen verleugnet, dass sie an Tuberkulose leidet. „Wir müssen den Menschen beibringen, dass die Tuberkulose eine Erkrankung wie viele andere auch ist“, sagt Naomi Wanjiru. Diese Überzeugungsarbeit sei mindestens so wichtig wie die Behandlung von Erkrankten selbst.

Community-Projekte als entscheidender Schlüssel

Für sie ist ein Schlüssel dazu die Stärkung der besonders betroffenen Gesellschaftsgruppen. „Der Global Fund stellt Medikamente zur Verfügung, doch es muss gesichert sein, dass sie die bedürftigen Menschen und Communitys erreichen“, mahnt Naomi Wanjiru, die sich auch im Global Fund Advocates Network engagiert. „HIV, Malaria und Tuberkulose ist nicht in den Büros und Verwaltungen, sondern in den Communitys. Dort treffen die Menschen, die Hilfe brauchen auf jene, die Hilfe leisten können.“ Deshalb müssten hierhin die Zuwendungen auch gelangen und von Graswurzel-Organisationen direkt an die Menschen weitergegeben werden.

Gerade im Zuge der Covid-19-Pandemie sieht Naomi Wanjiru eine nicht zu unterschätzende Gefahr, dass die anderen Krankheiten in Vergessenheit geraten. „Malaria, HIV und Tuberkulose sind keineswegs verschwunden, nur weil Covid-19 aufgetaucht ist.“

Ihrer Ansicht nach müssen diese Krankheiten vielmehr gleichermaßen und vor allem gleichrangig angegangen werden. Alles andere führe zu einer neuen Stigmatisierung.

Für Naomi Wanjiru wäre es daher wichtig, dass der Global Fund für überraschende Entwicklungen wie es bei Covid-19 der Fall ist, über einen Notfallfond verfügt, um schnell reagieren zu können. „Doch auch die Infrastruktur im Gesundheitswesen, wie etwa die Ausstattung der Krankenhäuser, muss soweit aufgebaut sein, dass wir auf solche Situationen vorbereitet sind.“

Danke an Axel Schock für den Beitrag und an Naomi Wanjiru für das Teilen ihrer Geschichte und an das Global Funds Advocates Network für die Vermittlung!

Zur Registrierung: Register for the conference “Global Health Champion Germany?! From HIV to SARS-CoV-2 - What have we (not) learned?” here

Mehr Informationen

Aktionsbündnis gegen AIDS

www.aids-kampagne.de

Mail: info@aids-kampagne.de

November 2021

Aktionsbündnis gegen AIDS, 2021