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Aktuelle Analyse

Die Gefährlichkeit des neuartigen Coronavirus für Deutschland, Europa und andere Weltregionen

Unsplash.com besten Dank an S.J. Obiio

Wenn wir die Analysen mit der breitesten und zuverlässigsten Datenbasis zugrunde legen und die Altersstruktur der Bevölkerung in Deutschland berücksichtigen, wird die massive Bedrohung durch die COVID-19-Pandemie deutlich. Im Fall einer gleichmäßigen Befallsrate der verschiedenen Altersgruppen wäre damit zu rechnen, dass über ein Prozent der infizierten Menschen sterben. Wenn es durch effektive Schutzmaßnahmen gelingen sollte, die Infektionsraten bei den Personen über 60 Jahren auf ein Viertel der Befallsraten in den jüngeren Altersgruppen zu begrenzen, würde sich der Infizierten- Verstorbenen-Anteil voraussichtlich auf 0,45 Prozent belaufen. Bei einer Verbreitung des Coronavirus SARS-CoV-2 unter der Hälfte der Bevölkerung würde aber auch dieses günstige Szenario zu annähernd 185.000 bis 190.000 Todesfällen führen. Das zeigt, was auf dem Spiel steht, wenn es uns nicht durch gemeinsame Anstrengungen gelingt, die Pandemie unter Kontrolle zu bringen.

Umfassende Studien aus vergleichbaren Ländern machen die Bedrohungslage deutlich

Wenn wir die Analysen mit der breitesten und zuverlässigsten Datenbasis zugrunde legen und die Altersstruktur der Bevölkerung in Deutschland berücksichtigen, wird die massive Bedrohung durch die COVID-19-Pandemie deutlich. Im Fall einer gleichmäßigen Befallsrate der verschiedenen Altersgruppen wäre damit zu rechnen, dass über ein Prozent der infizierten Menschen sterben. Wenn es durch effektive Schutzmaßnahmen gelingen sollte, die Infektionsraten bei den Personen über 60 Jahren auf ein Viertel der Befallsraten in den jüngeren Altersgruppen zu begrenzen, würde sich der Infizierten- Verstorbenen-Anteil voraussichtlich auf 0,45 Prozent belaufen. Bei einer Verbreitung des Coronavirus SARS-CoV-2 unter der Hälfte der Bevölkerung würde aber auch dieses günstige Szenario zu annähernd 185.000 bis 190.000 Todesfällen führen. Das zeigt, was auf dem Spiel steht, wenn es uns nicht durch gemeinsame Anstrengungen gelingt, die Pandemie unter Kontrolle zu bringen. Bedingt durch den relativ großen Anteil älterer Menschen an der Gesamtbevölkerung muss in Deutschland mit einer Sterblichkeitsrate gerechnet werden, die weitaus höher als der weltweite Durchschnitt anzusetzen ist und die auch über dem europäischen Mittelwert liegt.

Realistische Schätzungen erfordern methodisch belastbare Untersuchungen

Neben der Ausbreitungsgeschwindigkeit bildet die Infektionssterblichkeit einen zentralen Kennwert, um das Gefahrenpotential einer Pandemie zu erfassen. Sie beschreibt den Anteil der infizierten Menschen, die an den Folgen der Infektion sterben. Im Gegensatz zur Fallsterblichkeit werden die Todesfälle nicht zu der Anzahl der diagnostizierten und gemeldeten Infektionsfälle ins Verhältnis gesetzt, sondern es müssen alle Infektionen einbezogen werden, also auch die nicht in den Meldesystemen verzeichneten Fälle, z.B. weil keine oder nur leichte Symptome auftraten. Die tatsächliche Anzahl der Infektionen einschließlich dieser sog. Dunkelziffer lässt sich erst nachträglich durch Erhebungen näherungsweise feststellen, die in einer möglichst repräsentativen Stichprobe ermitteln, wie viele Menschen spezifische Antikörper gegen das Coronavirus gebildet und somit mit großer Wahrscheinlichkeit eine Infektion durchgemacht haben. Daraus lässt sich die Infektionsrate oder Seroprävalenz zu einem bestimmten Zeitpunkt ableiten, wobei die schrittweise Abnahme der Antikörper-Menge zu berücksichtigen ist. Vor allem in der ersten Phase wurde allerdings auch eine Reihe von Antikörper-Studien durchgeführt, die kaum geeignet sind, das wirkliche Infektionsgeschehen zu abzubilden, da sie zu kleine Teilnahmezahlen hatten oder nur besondere Bevölkerungsgruppen erfassten. Inzwischen liegen Analysen zum Sterberisiko vor, die auf einer viel breiteren Datengrundlage beruhen. Dazu gehören einige landesweite Studien mit mehreren 10.000 Versuchspersonen, die weitgehend der Realität entsprechende Ergebnisse liefern können und vor allem eine differenzierte Betrachtung nach Altersgruppen ermöglichen. Da sich das Lebensalter als gewichtiger Einflussfaktor für das Sterberisiko bei Infektionen mit dem Coronavirus erwiesen hat, können nur die Studien aussagekräftige Resultate hervorbringen, die eine zuverlässige Schätzung der Befallsraten in den verschiedenen Altersgruppen erlauben.

Die Ergebnisse der statistischen Analyse hochwertiger Studien in den Blick nehmen

Die erstellten Grafiken nutzen die Schätzwerte der altersspezifischen Infektionssterblichkeit, die ein Expertenteam des Imperial College London durch eine Analyse der 10 bisher publizierten Einzelstudien ermittelt hat, die den Mindestkriterien wie Repräsentativität und Verfügbarkeit der relevanten Daten entsprachen. Darunter können die landesweiten Erhebungen von Spanien, Brasilien, England und Italien sowie die Studie von Genf in der Schweiz als besonders repräsentativ für die Gesamtbevölkerung oder wesentliche Teile davon (städtische Gebiete in Brasilien) gelten. Den umfassendsten Ansatz verfolgte wohl die nationale seroepidemiologische Studie in Spanien, die zwischen April und Juni in drei aufeinanderfolgenden Erhebungsrunden 165.176 Blutproben bei insgesamt 68.296 Probanden untersuchte, wovon 54.858 an allen drei Runden teilnahmen. Diese Untersuchung schließt auch die hohe Zahl an Todesfällen aus, die sich in Alters- und Pflegeheimen ereignete, da für diese Einrichtungen keine belastbaren Erhebungen zu den Infektionsraten vorlagen. Die übrigen 5 Studien basieren auf Stichproben von Gruppen, die weniger zuverlässig die Allgemeinbevölkerung abbilden, wie Blutspendende oder Kunden von Lebensmittelgeschäften (New York State). Zu bemerken ist auch, dass die übergreifende Analyse die unmittelbaren Ergebnisse der 10 Studien überprüfte und anpasste, um die jeweiligen Testeigenschaften (Sensitivität, Spezifizität) und die kalkulatorische Abnahme der Antikörperkonzentration zu berücksichtigen.

Die Gesamtsterblichkeit im Vergleich zu früheren Jahren spricht für eine noch größere Bedrohung

Da die für die Berechnungen verwendeten Sterbeziffern nur die bestätigten Fälle von Infektionen mit SARS-CoV-2 einschließen, ist davon auszugehen, dass die ermittelten Schätzwerte eher am unteren Ende des möglichen Spektrums der Sterbewahrscheinlichkeit zu verorten sind. Wenn wir die Übersterblichkeit im Fall von Spanien heranziehen, so ergeben sich für die Altersgruppen über 60 Jahre um 10 bis 40 Prozent höhere Sterberisiken. Für die Menschen in diesem Lebensabschnitt wäre für Deutschland – bei gleichförmiger Befallsrate in den betreffenden Altersgruppen - eine Infektionssterblichkeit von insgesamt 4,7 Prozent zu erwarten gegenüber einem Risiko von 3,3 Prozent bei Verwendung der bestätigten Todesfälle im Zusammenhang mit COVID-19. Dieser Indikator wäre mit 5,9 Prozent noch erheblich höher zu veranschlagen, wenn wir die Untersuchung zu England mit verfügbaren Testdaten von 99,908 Teilnehmenden zugrunde legen, deren Berechnung des Sterberisikos sowohl die bestätigten Todesfälle als auch die wahrscheinlich an der Infektion Verstorbenen einbezieht (COVID-19 als Todesursache auf dem Totenschein angegeben). Dabei ist im Auge zu behalten, dass auch diese Analyse die Menschen ausschließt, die in Pflegeeinrichtungen leben. Nach einer zusätzlichen Auswertung der betreffenden Studiendaten mit Berücksichtigung dieser verletzlichsten Bevölkerungsgruppe müsste bei der Alterszusammensetzung in Deutschland mit einer extrem hohen Sterblichkeit von annähernd 9 Prozent unter Personen gerechnet werden, die über 60 Jahre alt sind und sich mit SARS-CoV-2 infizieren.

Für die Interpretation dieser Schätzwerte ist zu beachten, dass neben dem Lebensalter auch die jeweiligen Gesundheitsbedingungen das Sterberisiko beeinflussen. Dazu gehören in erster Linie der Zugang zu effektiver medizinischer Versorgung und die Verteilung von Erkrankungen, die das Risiko für einen schwerwiegenden oder tödlichen Verlauf einer Infektion mit SARS-CoV-2 erhöhen. Aber auch die Verbreitungsmuster der Pandemie, die wiederum durch die spezifischen Lebensbedingungen und präventiven Gegenmaßnahmen bedingt werden, können sich auf die Entwicklung dieses zentralen Parameters in den verschiedenen Ländern und Regionen auswirken.

Wir bedanken uns bei Joachim Rüppel für diesen Beitrag! 

Aktionsbündnis gegen AIDS, 2020