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Welt-Aids-Tag: COVID-19-Pandemie überschattet Eindämmung von HIV

UNAIDS, der GFATM, die DAH und das AgA warnen gemeinsam vor Rückschritten und verdeutlichen die Notwendigkeit entschiedenen Handelns. Deutschland sollte dabei eine Schlüsselrolle einnehmen

cindy

Berlin, 26. November 2021 – COVID-19-bedingte Einschränkungen haben vielerorts Maßnahmen gegen HIV und Aids zurückgeworfen. Diese Entwicklung droht die hart errungenen Fortschritte der vergangenen Jahrzehnte zunichte zu machen. Das ist das Fazit eines Online-Pressegesprächs zur weltweiten HIV/Aids-Situation am heutigen Freitag mit UNAIDS-Exekutiv-Direktorin Winnie Byanyima, der Geschäftsführerin der Deutschen Aidshilfe (DAH), Silke Klumb, der ukrainischen Aktivistin Valeriia Rachynska, die auch Vorständin des Globalen Netzwerks der Menschen mit HIV (GNP+) ist, sowie dem Exekutiv-Direktor des Globalen Fonds, Peter Sands.

Dringender Handlungsbedarf

Die Expert*innen waren sich einig: Es besteht dringender Handlungsbedarf, um bisherige Erfolge in der HIV-Bekämpfung zu verteidigen und weiter voranzubringen. Eine besondere Verantwortung kommt hier der künftigen Bundesregierung zu: Globale Gesundheit und HIV/Aids müssen weiterhin einen hohen Stellenwert auf der politischen Agenda einnehmen, und die nötigen globalen Maßnahmen benötigen ein starkes finanzielles Engagement. Nur mit vollem Einsatz lässt sich das im Rahmen der Agenda 2030 formulierte Ziel nachhaltiger Entwicklung (SDG 3), Aids bis 2030 zu beenden, noch erreichen.

UNAIDS-Exekutiv-Direktorin Winnie Byanyima, gerade von einer Reise in die Demokratische Republik Kongo zurückgekehrt, sagte dazu:

"Heute sind fast 30 Millionen Menschen in Behandlung - die Welt hat im Kampf gegen HIV schon einen weiten Weg zurückgelegt, aber wir sind noch lange nicht am Ziel. Noch immer warten rund 10 Millionen Menschen auf eine Behandlung, und im Jahr 2020 gab es 1,5 Millionen neue HIV-Infektionen.  Daher müssen die Bemühungen verstärkt werden, um HIV-Behandlung, Pflege und Präventionsangebote zu den Menschen zu bringen, die sie am dringendsten benötigen, insbesondere junge Frauen und Mädchen und andere marginalisierte Gruppen. Wir müssen die Ungleichheiten angehen, die die HIV-Epidemie bei jungen Frauen und Mädchen vorantreiben - also nicht nur biomedizinische Maßnahmen ergreifen, die das Risiko einer HIV-Infektion verringern, sondern auch die sozialen und wirtschaftlichen Faktoren, die Frauen und Mädchen einem Risiko aussetzen.“

In West- und Zentralafrika, wo die Situation nach wie vor sehr bedrohlich ist, entfallen 44 Prozent der HIV-Neuinfektionen auf besonders gefährdete Personengruppen wie Sexarbeiter*innen oder Transgender-Personen, weitere 27 Prozent auf ihre Sexualpartner*innen. In vielen osteuropäischen und zentralasiatischen Ländern ist die Stigmatisierung von Männern, die Sex mit Männern haben sowie die Verfolgung und Marginalisierung von intravenös Drogen konsumierenden Menschen ein Treiber der Epidemie – dies führt unter anderem dazu, dass ihr Zugang zu dringend benötigten Präventionsangeboten erschwert ist.

Byanyima betonte außerdem, Länder wie Deutschland müssten jetzt mit „Technologie und Know-how“ helfen, dass alle Menschen Zugang zu einer Covid-Impfung bekämen und der temporären Aussetzung des TRIPS-Abkommen zu geistigen Eigentumsrechten auf Covid-19-Technologien zuzustimmen.

COVID-19 beeinträchtigt HIV-Programme

Der Globale Fonds unterstützt seit seiner Gründung vor 20 Jahren HIV-, Tuberkulose- und Malariaprogramme in seinen Partnerländern. 44 Millionen Menschenleben konnten so bis Ende 2020 gerettet werden. Aids-bedingte Todesfälle sind seit 2002 um 65 Prozent und Neuinfektionen um 54 Prozent zurückgegangen. 

Exekutiv-Direktor Peter Sands berichtete von den dramatischen Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf HIV-Programme: So ging beispielsweise 2020 im Vergleich zum Vorjahr die Anzahl der HIV-Tests um 22 Prozent zurück. Auch der Rückgang der Tuberkulose-Therapien um 18 Prozent kann katastrophale Folgen haben, da Tuberkulose die häufigste Todesursache bei Menschen mit HIV ist. Wie sich diese Einbrüche in den kommenden Jahren auf die Überlebenswahrscheinlichkeit auswirken, ist bisher nicht abzuschätzen.

Der Globale Fonds konnte, auch mithilfe deutscher Unterstützung, zügig auf COVID-19 reagieren: Bis November 2021 wurden 4,1 Milliarden US-Dollar für 106 Länder sowie 20 Mehrländerprogramme bewilligt, um COVID-19 einzudämmen und gleichzeitig HIV-, TB- und Malariaprogramme an die neue Lage anzupassen und fortzusetzen.

Über die jetzt nötigen Schritte sagte Sands:

„Gemeinsam mit den Ländern, Gemeinschaften und betroffenen Menschen arbeiten wir daran, überlebenswichtige HIV-Programme trotz der zusätzlichen Belastung fortzusetzen. Entscheidend bei der Eindämmung von Infektionskrankheiten ist, den Ausbau nachhaltiger und zugänglicher Gesundheitssysteme sowie die Versorgungstrukturen in den Gemeinden zu stärken. Mit starken Partnern, mehr politischem Willen und mehr Ressourcen können wir die von COVID-19 verursachten Rückschläge überwinden und uns aktuellen und zukünftigen Gesundheitsbedrohungen geschlossen stellen.“

Betroffene Gruppen und Zivilgesellschaft sind der Schlüssel

Sowohl UNAIDS als auch der Globale Fonds setzen in ihren Strategien auf die Einbindung der Zivilgesellschaft und der von HIV, Tubekulose und Malaria betroffenen Communitys.

Wie wichtig dieser Ansatz ist, betonte die ukrainische Aktivistin Valeriia Rachinska von der Organisation 100% LIFE und Vorstandsmitglied des Global Network of People Living with HIV (GNP+):

„Eine der erfolgreichsten Investitionen, die der Globale Fonds je getätigt hat, ist die in Organisationen, die durch Vertreter*innen der betroffenen Communitys geführt werden. Diese haben eine sehr starke Motivation, Veränderungen herbeizuführen, denn sie wollen am Leben bleiben und das Leben anderer Menschen retten. Dank der Unterstützung des Globalen Fonds konnten sich entsprechende Organisationen schnell anpassen und auf die Herausforderungen von COVID-19 reagieren. Das System, das zur Bekämpfung der HIV- und Tuberkulose-Epidemien aufgebaut wurde, war am besten für die Herausforderungen von COVID-19 vorbereitet.“

DAH-Geschäftsführerin Silke Klumb unterstrich ebenfalls die Bedeutung, die Zusammenarbeit mit Communitiys und der Zivilgesellschaft in der Planung und Umsetzung von HIV-Programmen für die erfolgreiche Eindämmung hat:

„Die Einbindung der am stärksten betroffenen Gruppen auf Augenhöhe ist auch in Deutschland der Schlüssel zu erfolgreicher HIV-Prävention. Dass UNAIDS und der Globale Fonds diesen Weg ausbauen wollen, verdient jede Unterstützung. Deutschland ist der viertgrößte Geber des Globalen Fonds. Wir blicken auf die Finanzierungskonferenz in 2022, dem Jahr der deutschen G7-Präsidentschaft: Die neue Regierung muss mit gutem Beispiel vorangehen und den erhöhten Finanzbedarf in Covid-Zeiten und danach decken helfen – mit einer deutlichen Erhöhung der deutschen Beiträge. Deutschland wird international als ‚Global Health Champion‘ wahrgenommen. Wir erwarten, dass unser Land diesem Ansehen gerecht wird.“

Konferenz zu HIV und COVID-19 weltweit

Am 1. Dezember richtet das Aktionsbündnis gegen AIDS gemeinsam mit der Deutschen Aidshilfe, AIDS Action Europe, GNP+ und GFAN Asia Pacific eine internationale Konferenz aus, bei der die hier angesprochenen Themen und Zusammenhänge mit Vertreter*innen der Zivilgesellschaft, Politiker*innen und Vertreter*innen von UAIDS und des Globalen Fonds vertieft werden. Medienschaffende sind willkommen. 

„Global Health Champion Deutschland?! Von HIV zu SARS-CoV-2. Was haben wir (nicht) gelernt?“ Mehr Informationen und Anmeldung.

www.unaids.org

www.aids-kampagne.de

www.theglobalfund.org

www.aidshilfe.de

Photo: Cindy Kelemi, Panelistin, Eröffnungssession, Konferenz Welt Aids Tag. Alexej Stoljarow   

Aktionsbündnis gegen AIDS, 2022