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Prävention braucht Wissen und UNAIDS

Input von Peter Wiessner, Aktionsbündnis gegen AIDS, in der Sitzung des Gesundheitsausschusses am 23. September 2026

Foto: Nicole Stelzner. V. l. n. r.: Nicole Stelzner, Gilead Sciences; Peter Wiessner, Aktionsbündnis gegen AIDS; Dr. Tanja Machalet, MdB; Sascha van Beek, MdB (CDU); Christine Stegling, UNAIDS; Melissa Scharwey, Ärzte ohne Grenzen.

Am 23. September 2026 fand im Deutschen Bundestag ein Austausch des Gesundheitsausschusses statt, zu dem neben dem Aktionsbündnis gegen AIDS weitere Vertreter*innen aus Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Industrie eingeladen waren. Im Mittelpunkt stand die Frage, welchen Stellenwert UNAIDS für die globale HIV-Prävention hat, insbesondere vor dem Hintergrund der derzeitigen internationalen Umstrukturierungsprozesse und der erheblichen Kürzungen in der Entwicklungs- und Gesundheitsfinanzierung. Der folgende Beitrag fasst die zentralen Punkte zusammen, die das Aktionsbündnis gegen AIDS in die Diskussion eingebracht hat.

Wer wirksame HIV-Prävention leisten und Neuinfektionen verhindern will, muss zunächst wissen, wo, in welchen Gruppen, und unter welchen Bedingungen Übertragungen stattfinden. Genau hier liegt eine der zentralen Stärken von UNAIDS: Die Organisation trägt weltweit HIV-spezifische Daten zusammen und macht bspw. sichtbar, welche Communities und Altersgruppen besonders betroffen sind, in welchen Kontexten  Übertragungen stattfinden und wie sich die Epidemie in unterschiedlichen Regionen entwickelt.

Dieses Wissen ist zugleich eine wichtige Grundlage für die Arbeit anderer Akteure der globalen HIV-Arbeit. Der Globale Fonds etwa kann auf dieser Datengrundlage Investitionen und Programme gezielt dort einsetzen, wo sie besonders gebraucht werden, und Präventionsangebote auf unterschiedliche Bevölkerungsgruppen und epidemiologische Situationen ausrichten. UNAIDS und der Globale Fonds haben dabei unterschiedliche, aber sich ergänzende Rollen: UNAIDS schafft Wissen und globale Orientierung; der Global Fund übersetzt dieses Wissen gemeinsam mit Ländern und Communities in konkrete Investitionen und Programme. Genau diese Synergien sind für eine wirksame globale HIV-Arbeit entscheidend.

Dabei geht es längst nicht nur um epidemiologische Kennzahlen. UNAIDS verbindet diese Daten mit Informationen darüber, ob und wie Schlüsselgruppen erreicht werden, wo Menschen ausgegrenzt werden und wie sich die Menschenrechtssituation entwickelt. Werden schwule Männer, andere LGBTIQ-Communities oder Menschen, die Drogen gebrauchen, verfolgt? Können sie HIV-Präventionsangebote sicher und ohne Angst vor Diskriminierung erreichen? Solche Fragen sind für erfolgreiche Prävention ebenso entscheidend wie die Zahl der Neuinfektionen.

Wie wichtig dieser umfassende Blick ist, zeigen die aktuellen Entwicklungen. Weltweit kommt es weiterhin zu rund 1,2 Millionen neuen HIV-Infektionen pro Jahr. Gleichzeitig unterscheiden sich die Epidemien erheblich. In der MENA-Region finden 80 Prozent aller HIV-Neuinfektionen unter den sog. Schlüsselgruppen statt. Der Anteil in Subsahara-Afrika liegt bei 25 Prozent.

Gerade deshalb braucht es Daten, die soziale und strukturelle Ursachen von HIV sichtbar machen. Ein Beispiel sind die deutlich höheren HIV-Infektionsraten bei Mädchen und jungen Frauen im südlichen Afrika. Sie sind nicht allein mit individuellem Verhalten zu erklären. Sexuelle Gewalt, geschlechtsspezifische Ungleichheit und fehlende Handlungsmöglichkeiten beeinflussen das Infektionsrisiko unmittelbar. Wer hier Prävention verbessern will, muss deshalb auch über Gendergerechtigkeit, Schutz vor Gewalt und Zugang zu Gesundheitsversorgung sprechen.

Ein weiteres Beispiel ist die HIV-Versorgung von Kindern. Weltweit erhalten nur rund 55 Prozent der Kinder mit HIV eine antiretrovirale Therapie, gegenüber etwa 79 Prozent der Erwachsenen. Auch diese Lücke verweist auf strukturelle und gesellschaftliche Machtverhältnisse und nicht lediglich auf ein medizinisches Versorgungsproblem. Prävention und Behandlung müssen deshalb stärker mit der Versorgung von Frauen während und nach der Schwangerschaft verbunden werden. Eine funktionierende Mutter-Kind-Versorgung ist ein entscheidender Bestandteil der HIV-Arbeit.

Die Botschaft dahinter ist einfach: Prävention funktioniert nur, wenn wir verstehen, was Menschen daran hindert, sich zu schützen und Gesundheitsangebote zu nutzen. Genau diese Verbindung zwischen epidemiologischen Daten, sozialen Faktoren, Menschenrechten und den Erfahrungen der betroffenen Communities gehört zu den besonderen Stärken von UNAIDS. Vieles von dem, was wir heute über die globale HIV-Pandemie wissen, verdanken wir dieser Arbeit. Dass es überhaupt eine globale HIV-Strategie gibt, ist eng mit der Existenz von UNAIDS verbunden. Eine besondere Stärke liegt dabei in der Einbindung der Menschen und Communities, die unmittelbar von HIV betroffen sind.

Deutschlands Verantwortung

Deutschland hat in den internationalen Diskussionen immer wieder wichtige Impulse gesetzt. Besonders positiv hervorzuheben ist die deutsche Positionierung in kontroversen Debatten um Menschenrechte, die Nachhaltigkeitsziele und die Beteiligung der Zivilgesellschaft. Ein konkretes Beispiel war das UN High-Level Meeting on HIV/AIDS im Juni dieses Jahres. Deutschland hat eine Delegation zusammengestellt, in der die Zivilgesellschaft selbstverständlich vertreten war. Andere Länder, ich erinnere hier nur an Russland, setzten sich sehr dafür ein, dass die Zivilgesellschaft ausgegrenzt wird. Gerade angesichts der internationalen politischen Auseinandersetzungen setzt Deutschland wichtige Signale. Dafür gebührt dem Bundesgesundheitsministerium und allen Beteiligten Anerkennung. Eine solche politische Unterstützung sollte sich allerdings auch im Bundeshaushalt widerspiegeln. Deshalb sollte die vorgesehene Kürzung des deutschen Beitrags an UNAIDS von 6,75 auf 6 Millionen Euro pro Jahr zurückgenommen werden. Deutschlands internationale Glaubwürdigkeit in der HIV-Politik bemisst sich nicht zuletzt daran, ob politische Unterstützung auch finanziell unterlegt wird.

UNAIDS neu denken, aber seine Stärken erhalten

Gleichzeitig steht UNAIDS selbst vor einer grundlegenden Umstrukturierung. Während zeitweise vom „Sunsetting“ die Rede war, wird inzwischen eher von Transformation oder Neuordnung gesprochen.

Als HIV-positiver Mensch kann ich mir durchaus eine Zeit wünschen, in der UNAIDS nicht mehr gebraucht wird. Aber solange die HIV-Pandemie nicht beendet und die Arbeit nicht getan ist, brauchen wir auf Ebene der Vereinten Nationen eine Organisation, die die globale HIV-Arbeit bündelt, Entwicklungen beobachtet, politische Verantwortung einfordert und die unterschiedlichen Akteure zusammenbringt.

Dabei darf eine zentrale Besonderheit von UNAIDS nicht verloren gehen: die unmittelbare Beteiligung der Communities an der Governance. Menschen, die von HIV betroffen sind, sitzen mit am Tisch, können Fragen einbringen, Entwicklungen kritisch begleiten und Rechenschaft einfordern. Der ECOSOC-Status und die damit verbundenen Möglichkeiten der Zivilgesellschaft sind deshalb ein wesentlicher Bestandteil dieser Struktur und müssen erhalten bleiben.

Ebenso wichtig ist die Arbeit von UNAIDS auf Länderebene. Gerade wenn sich politische Rahmenbedingungen verändern und die Rechte von Schlüsselgruppen unter Druck geraten, kann UNAIDS als internationaler Akteur zwischen Regierungen und Zivilgesellschaft vermitteln und auf menschenrechtliche Verpflichtungen hinweisen.

Uganda ist hierfür ein prägnantes Beispiel. Als die Regierung ein Gesetz verabschiedete, das LGBTIQ-Menschen massiv diskriminierte und unter bestimmten Umständen sogar die Todesstrafe vorsieht, hat UNAIDS interveniert. Unabhängig davon, wie erfolgreich eine solche Intervention im Einzelfall ist, zeigt das Beispiel, warum die Länderpräsenz von UNAIDS wichtig ist: Sie schafft einen Raum, in dem HIV, Menschenrechte und die Situation von Schlüsselgruppen auch dann angesprochen werden können, wenn dies politisch schwierig wird.

Diese Kombination aus globaler Koordination, Datenerhebung, politischer Analyse, Menschenrechtsarbeit, Länderpräsenz und verbindlicher Community-Beteiligung findet sich in dieser Form bei keiner anderen UN-Organisation. Zugleich ist UNAIDS Teil eines größeren Ökosystems der globalen HIV-Antwort: Organisationen wie der Global Fund, Regierungen, bilaterale Geber, Forschungseinrichtungen und zivilgesellschaftliche Akteure bauen aufeinander auf und erfüllen unterschiedliche Funktionen. Gerade deshalb wäre es falsch, UNAIDS und andere Akteure gegeneinander auszuspielen. Die Stärke liegt im Zusammenspiel.

Dass UNAIDS vor mehreren Jahrzehnten bewusst außerhalb der damals engen institutionellen Strukturen der WHO geschaffen wurde, war kein Zufall. Die Organisation sollte eine komplexe, multisektorale Pandemie gemeinsam mit den betroffenen Communities bearbeiten. Die Fortschritte der vergangenen Jahrzehnte zeigen, dass dieses Modell Wirkung entfalten kann.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob UNAIDS unverändert bestehen bleiben muss. Entscheidend ist vielmehr, welche Funktionen die internationale HIV-Arbeit auch in Zukunft braucht - und wie sichergestellt wird, dass Daten, globale Koordination, Menschenrechte, Länderpräsenz und die verbindliche Beteiligung der Communities auch in einer neu strukturierten UNAIDS erhalten bleiben.

Denn eines bleibt unverändert: Wer HIV verhindern will, muss verstehen, wo Risiken entstehen, welche Strukturen Menschen vulnerabel machen - und die Menschen selbst an den Lösungen beteiligen. Prävention braucht Wissen. Und dieses Wissen schafft UNAIDS.

Aktionsbündnis gegen AIDS

September 2026

Kontakt: info@aktionsbuendnis-aids.de

, 2026