Sie sind hier

  1. Start
  2. Aktuelles
  3. Globale Kindergesundheit

Globale Kindergesundheit

Was wir aufgebaut haben, dürfen wir jetzt nicht einreißen

2609_parl_fruehstueck_kindergesundheit_foto_aktionsbuendnis_gegen_aids_2

Bericht zum Parlamentarischen Frühstück „Globale Kindergesundheit im Bundeshaushalt 2027“

Fast jedes zweite Kind mit HIV erhält noch immer keine lebensrettende Behandlung. 2025 lebten weltweit rund 1,3 Millionen Kinder unter 15 Jahren mit HIV, doch nur 55 Prozent von ihnen erhielten eine antiretrovirale Therapie, bei Erwachsenen waren es 79 Prozent. Auch bei Malaria tragen Kinder eine unverhältnismäßig hohe Last: In der WHO-Region Afrika waren 2024 rund drei von vier Menschen, die an Malaria starben, Kinder unter fünf Jahren.

Dabei haben die vergangenen Jahrzehnte gezeigt, was möglich ist. Millionen HIV-Infektionen bei Kindern konnten verhindert werden, Malaria lässt sich mit Prävention, schneller Diagnostik, Medikamenten und inzwischen auch Impfstoffen wirksam bekämpfen. Doch diese Fortschritte sind nicht unumkehrbar.

Was bedeutet es vor diesem Hintergrund, wenn Deutschland seine Mittel für Entwicklungszusammenarbeit und globale Gesundheit weiter kürzt?

Darüber diskutierten Abgeordnete und Vertreter*innen aus Zivilgesellschaft, Kirchen und Entwicklungszusammenarbeit beim Parlamentarischen Frühstück zur globalen Kindergesundheit am 23. September im Deutschen Bundestag. Im Mittelpunkt standen der Bundeshaushalt 2027 und die Frage, wie sich verhindern lässt, dass Einsparungen die Gesundheitsversorgung von Kindern und bereits erreichte Fortschritte gefährden.

Acht von zehn Haushaltstiteln sollen gekürzt werden

Die Ausgangslage ist deutlich: Gemeinsam haben medmissio, Misereor, das Kindermissionswerk ,Die Sternsinger‘ und das Aktionsbündnis gegen AIDS zehn Haushaltstitel identifiziert, die unmittelbar für die globale Kindergesundheit relevant sind. Acht davon sollen im Regierungsentwurf für 2027 gegenüber dem Vorjahr gekürzt werden. Unter dem Strich stehen rund 500 Millionen Euro weniger zur Verfügung. Eine Übersicht der zehn Haushaltstitel und ihrer Entwicklung findet sich hier.

Der größte Teil der Kürzungen entfällt auf den Etat des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Doch globale Kindergesundheit lässt sich nicht auf einen einzelnen Haushaltstitel reduzieren. Sie wird über multilaterale Organisationen und Fonds, bilaterale Zusammenarbeit, humanitäre Hilfe sowie kirchliche und zivilgesellschaftliche Träger finanziert.

Hinter den Haushaltszahlen stehen ganz konkrete Leistungen: Impfungen und Medikamente, HIV-Tests und Diagnostik, therapeutische Nahrung, Gesundheitsfachkräfte, Kliniken und Beratungsstellen.

Wenn aus Haushaltszahlen fehlende HIV-Tests werden

Wie schnell sich wegbrechende Finanzierung auf die Versorgung auswirkt, zeigte die Diskussion über die Folgen der US-Kürzungen.

Misereor berichtete von Personalmangel und medizinischen Angeboten, die nach dem abrupten Finanzierungsstopp nicht mehr aufrechterhalten werden konnten. In Kamerun und im Tschad seien beispielsweise HIV-Schnelltests nicht mehr verfügbar. Auch das Kindermissionswerk berichtete von Auswirkungen auf lokale Partner und internationale Lieferstrukturen. Ein ähnliches Bild zeichnet die PEPFAR Pulse Study, die 166 PEPFAR-Partnerorganisationen in 46 Ländern untersucht hat. Mehr als drei Viertel der befragten Organisationen verloren Fördermittel oder erhielten zugesagte Zahlungen nicht mehr. Mindestens 1.714 Gesundheits- und Beratungsstandorte mussten schließen, mehr als 16.000 Mitarbeitende verloren ihre Arbeit. Neue Finanzierungsquellen konnten die entstandenen Lücken bei weitem nicht auffangen. Damit verschwinden nicht einfach einzelne Projekte. Mit geschlossenen Einrichtungen und dem Verlust von Personal gehen auch Wissen, Erfahrung und gewachsene Beziehungen zu Communities verloren. Gerade diese Verbindungen sind entscheidend, um Menschen zu erreichen und dauerhaft in Versorgung zu halten.

Beim Parlamentarischen Frühstück wurde deshalb auch über die Bedeutung von Verpflichtungsermächtigungen gesprochen. Werden diese reduziert, erschwert das längerfristige Verträge und Partnerschaften. Für Gesundheitsprogramme, die auf Kontinuität angewiesen sind, wird Planung damit schwieriger.

Welche Spielräume gibt es noch im Bundeshaushalt?

Der Bundeshaushalt 2027 ist noch nicht beschlossen. Ein wichtiger Teil der Diskussion drehte sich deshalb um die Frage, welche Veränderungen im parlamentarischen Verfahren noch möglich sind. Als ergänzendes Finanzierungsinstrument wurde unter anderem Debt2Health diskutiert. Bei Schuldenumwandlungen werden Rückzahlungsverpflichtungen reduziert, wenn das Partnerland im Gegenzug Mittel für Gesundheitsprogramme einsetzt. Aus der Zivilgesellschaft wurde zugleich darauf hingewiesen, dass solche Instrumente reguläre Finanzierung ergänzen, aber die grundlegenden Finanzierungsprobleme nicht lösen können. Zur Sprache kam auch die Frage, ob Ausgaben der Entwicklungszusammenarbeit für völkerrechtswidrig angegriffene Staaten unter die bestehende Bereichsausnahme von der Schuldenbremse fallen könnten. Dadurch könnten Spielräume für andere entwicklungspolitische Aufgaben entstehen.

Mehrfach wurde außerdem eine fraktionsübergreifende Initiative angeregt. Als möglicher Ort für die weitere Zusammenarbeit wurde unter anderem der Parlamentskreis Globale Gesundheit genannt.

Kindergesundheit muss in den Haushaltsberatungen mitgedacht werden

Für medmissio, Misereor, das Kindermissionswerk ,Die Sternsinger‘ und das Aktionsbündnis gegen AIDS ist deshalb zentral: Globale Kindergesundheit muss eine Leitperspektive der weiteren Haushaltsberatungen werden.

Dazu gehört, die geplanten Kürzungen dort zu korrigieren, wo sie zentrale Maßnahmen und Strukturen der Kindergesundheit gefährden. Entscheidend ist, welche Folgen die Entscheidungen für Prävention, Impfungen, Medikamente, Ernährung, Primärgesundheitsversorgung und weitere essenzielle Gesundheitsdienste haben. Gleichzeitig müssen die unterschiedlichen Instrumente verlässlich finanziert werden. Multilaterale Fonds und Organisationen, bilaterale Zusammenarbeit, humanitäre Hilfe sowie kirchliche, zivilgesellschaftliche und lokale Akteure übernehmen unterschiedliche Aufgaben und ergänzen sich.

Was verloren geht, lässt sich nicht einfach zurückholen: Gesundheits- und Community-Systeme erhalten

Die vergangenen Jahrzehnte zeigen, was langfristige Investitionen in globale Gesundheit bewirken können. Allein Programme zur Verhinderung der HIV-Übertragung von Müttern auf ihre Kinder haben zwischen 2000 und 2025 fast 4,8 Millionen HIV-Infektionen bei Kindern verhindert. Malariaimpfstoffe schaffen heute zusätzliche Möglichkeiten, Kinder vor einer Krankheit zu schützen, die noch immer hunderttausende Menschenleben pro Jahr fordert.

Diese Fortschritte sind das Ergebnis jahrelanger Arbeit. Sie beruhen auf Gesundheitspersonal, Medikamenten und Diagnostik ebenso wie auf funktionierenden Lieferketten, lokalen Organisationen und internationaler Zusammenarbeit. Entscheidend sind dabei starke, über Jahre aufgebaute Gesundheits- und Community-Systeme: Strukturen, die Versorgung ermöglichen, Menschen erreichen und gerade besonders vulnerable Gruppen dauerhaft mit Prävention und Behandlung verbinden. Ihre Stärkung ist eine Voraussetzung dafür, dass gesundheitliche Fortschritte langfristig Bestand haben.

Genau deshalb wiegen Kürzungen heute schwer: Eine über Jahre aufgebaute Struktur kann innerhalb kurzer Zeit verloren gehen. Sie später wieder aufzubauen, dauert wesentlich länger. Die Zerschlagung bestehender Gesundheits- und Community-Strukturen muss deshalb verhindert werden. Gerade dort, wo staatliche Gesundheitssysteme Menschen nur unzureichend erreichen, übernehmen lokale und community-basierte Organisationen zentrale Aufgaben, von Prävention und Beratung über die Vermittlung in medizinische Versorgung bis zur Begleitung während einer Behandlung. Sie schaffen Vertrauen und erreichen Bevölkerungsgruppen, die sonst häufig keinen oder nur erschwerten Zugang zu Gesundheitsangeboten haben. Das war eine der zentralen Warnungen in der Diskussion.

Der Bundeshaushalt 2027 entscheidet deshalb auch darüber, wie verlässlich Deutschland zu diesen Strukturen beiträgt. Die vier veranstaltenden Organisationen fordern, die vorgesehenen Kürzungen im parlamentarischen Verfahren zu überprüfen und globale Kindergesundheit bei den weiteren Haushaltsberatungen konsequent mitzudenken.

Denn die Frage ist nicht nur, welche neuen Fortschritte wir erreichen können. Es geht auch darum, nicht wieder einzureißen, was über Jahrzehnte gemeinsam aufgebaut wurde.

2609_10_ausgewaehlte_titel_mit_direkter_relevanz_fuer_globale_kindergesundheit.png

Analyse

Zehn ausgewählte Haushaltstitel mit direkter Relevanz für globale Kindergesundheit

2609_handout_fuer_parl._fruehstueck_globale_kindergesundheit_im_bundeshaushalt_2027.png

Handout

Kernbotschaften und Forderungen globale Kindergesundheit im Bundeshaushalt 2027

, 2026