Dramatische Folgen der US-Kürzungen
PEPFAR Pulse Study sendet klare politische Signale

Während bereits bekannt war, dass die Entscheidungen der US-Regierung im Jahr 2025 zu erheblichen Einschnitten im PEPFAR-Programm geführt hatten, dokumentiert die Studie nun erstmals systematisch, welche Auswirkungen diese Entscheidungen auf die Organisationen hatten, die HIV-Prävention, Behandlung und Versorgung vor Ort umsetzen. Dafür wurden 166 PEPFAR-Partnerorganisationen aus 46 Ländern befragt und ihre Angaben mit den offiziellen PEPFAR-Finanzdaten verglichen. Die PEPFAR Pulse Study ist ausdrücklich als unabhängige, globale Bestandsaufnahme angelegt und wurde von amfAR, Funders Concerned About AIDS, der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health und Data Etc. durchgeführt, also außerhalb der PEPFAR-/US-Regierungsstrukturen.
Der Bruch mit dem bisherigen PEPFAR-Modell vollzieht sich seit 2025: Die USA stellen die langfristige, überwiegend multilaterale bzw. programmorientierte Zusammenarbeit zunehmend auf bilaterale, zeitlich begrenzte Vereinbarungen mit einzelnen Ländern um, begründet mit „country ownership“ und der schrittweisen Übernahme der Finanzierung durch die Partnerländer. Problematisch ist dabei weniger das Ziel größerer Eigenverantwortung als der abrupte Übergang, der mit Kürzungen und einer stärkeren Bindung der Gesundheitskooperation an US-amerikanische Interessen einhergeht.
America First: Gesundheitsfinanzierung nur nach entsprechender Gegenleistung
Viele Länder zögern, die neuen fünfjährigen bilateralen Vereinbarungen zu unterschreiben, weil sie hohe Eigenbeiträge, detaillierte Auflagen und eine stärkere finanzielle und politische Abhängigkeit von den USA bedeuten können. Die Abkommen kann man auch als „Knebelverträge“ bezeichnen, da sie Gesundheitsfinanzierung zunehmend mit politischen Gegenleistungen und US-amerikanischen Interessen verknüpfen: wertvolle Mineralien und Erden stehen im Vordergrund. Zudem verlangt die US-Regierung den Zugriff auf sensible Gesundheitsdaten, was von einigen Ländern als Zumutung aufgefasst wird.
Die Unabhängigkeit der Studie ist ein wesentlicher Vorteil, zugleich entstand sie unter Bedingungen, in denen die untersuchten Organisationen selbst massiv unter den politischen Eingriffen und Kommunikationsbeschränkungen der US-Regierung litten. In einem Preview der Studienergebnisse an dem wir während des UNHLM on HIV in New York teilnehmen konnten, fragten wir, ob die US-Regierung versucht hat, die Durchführung der Studie zu unterbinden. Wir erfuhren, dass dies nicht geschehen sei. Deutlich sei aber geworden, dass Mitarbeiter*innen bei PEPFAR unter Druck standen und auch unterschiedlich hilfreich gewesen seien.
Die Ergebnisse sind alarmierend. Sie zeigen nicht nur den Verlust einzelner Projekte oder Finanzierungsquellen, sondern die schrittweise Erosion einer über zwei Jahrzehnte aufgebauten Infrastruktur der globalen HIV-Arbeit. Besonders betroffen sind jene Bevölkerungsgruppen, die ohnehin am stärksten von HIV betroffen und gleichzeitig am stärksten von Diskriminierung und Ausgrenzung betroffen sind.
Ein Schock für die globale HIV-Arbeit
Mehr als drei Viertel der befragten Organisationen verloren Fördermittel oder erhielten zugesagte Zahlungen nicht mehr. Die Folgen waren gravierend: Mindestens 1.714 Gesundheits- und Beratungsstandorte mussten schließen, mehr als 16.000 Mitarbeitende verloren ihre Arbeit, und kaum eine Organisation konnte die entstandenen Finanzierungslücken schließen.
Die Studie macht deutlich, dass es sich nicht um vorübergehende Störungen handelt, sondern um einen strukturellen Bruch. HIV-Programme bestehen aus eng miteinander verbundenen Bausteinen, Prävention, Testangebote, Behandlung, psychosoziale Unterstützung, Datensysteme und Community-Arbeit. Werden einzelne Elemente herausgebrochen, gerät das gesamte Versorgungssystem ins Wanken. Genau dies dokumentiert die Studie eindrücklich.
Prävention und Menschenrechte zahlen den höchsten Preis
Besonders dramatisch sind die Auswirkungen auf die HIV-Prävention. Die PEPFAR-Ausgaben für Präventionsmaßnahmen gingen innerhalb eines Jahres um mehr als die Hälfte zurück; Programme zur Versorgung mit Kondomen und Gleitmitteln brachen nahezu vollständig ein. Zahlreiche Organisationen stellten Präventionsangebote dauerhaft ein, darunter PrEP-Programme, Gewaltprävention und gemeindenahe Aufklärungsarbeit.
Am stärksten betroffen sind Angebote für sogenannte Schlüsselpopulationen, Menschen, die aufgrund sozialer Ausgrenzung, Kriminalisierung oder Diskriminierung ohnehin nur eingeschränkten Zugang zu Gesundheitsdiensten haben. Fast drei Viertel der Organisationen mussten mindestens ein entsprechendes Angebot dauerhaft einstellen. Outreach-Arbeit, Peer-Beratung, Programme gegen geschlechtsspezifische Gewalt oder Maßnahmen gegen Stigmatisierung wurden in vielen Ländern massiv zurückgefahren oder ganz beendet. Gerade diese Angebote sind jedoch entscheidend, um Menschen überhaupt zu erreichen und dauerhaft in Versorgung zu halten. Die Studie macht damit deutlich, dass Kürzungen nicht alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen treffen, sondern vor allem diejenigen, die ohnehin den größten Barrieren beim Zugang zu Gesundheitsversorgung ausgesetzt sind.
Lokale Organisationen tragen die Hauptlast
Besonders besorgniserregend ist, dass vor allem lokale Organisationen von den Kürzungen betroffen sind. In den vergangenen Jahren galt die Stärkung lokaler zivilgesellschaftlicher Akteure als zentrales Ziel internationaler Entwicklungszusammenarbeit. Die Studie zeigt nun, dass ausgerechnet diese Organisationen überdurchschnittlich häufig Fördermittel verloren und Standorte schließen mussten. Damit werden nicht nur einzelne Projekte beendet, sondern langfristig gewachsene Strukturen geschwächt, die Vertrauen in den Gemeinden aufgebaut haben und häufig die einzige Anlaufstelle für besonders vulnerable Bevölkerungsgruppen darstellen.
HIV-Behandlung allein reicht nicht aus
Die Studie widerlegt zudem die Annahme, dass es ausreiche, die Finanzierung der HIV-Behandlung aufrechtzuerhalten. Obwohl lebensrettende Behandlungsangebote offiziell von den Kürzungen ausgenommen waren, berichteten fast zwei Drittel der Organisationen über Einschränkungen auch in diesem Bereich. Personalabbau, Lieferengpässe, geschlossene Beratungsstellen und der Wegfall begleitender Unterstützungsangebote führten dazu, dass selbst geschützte Programme erheblich beeinträchtigt wurden. Die Studie unterstreicht damit eine zentrale Erkenntnis der globalen HIV-Arbeit: Behandlung funktioniert nicht isoliert. Sie ist auf funktionierende Prävention, Community-Strukturen, psychosoziale Unterstützung und verlässliche Versorgungssysteme angewiesen.
Politische Konsequenzen
Die PEPFAR Pulse Study ist weit mehr als eine Bestandsaufnahme der Folgen von Finanzierungskürzungen. Sie dokumentiert, wie schnell jahrzehntelang aufgebaute Fortschritte gefährdet werden können, wenn internationale Solidarität und verlässliche Finanzierung wegbrechen. Für das Aktionsbündnis gegen AIDS unterstreichen die Ergebnisse die Notwendigkeit, die globale HIV-Arbeit als gemeinsame internationale Verantwortung zu begreifen. Die Studie zeigt eindrücklich, dass Kürzungen internationaler Gesundheitsfinanzierung nicht abstrakte Haushaltsentscheidungen sind, sondern unmittelbare Folgen für den Zugang zu Gesundheitsversorgung, den Schutz der Menschenrechte und die Eindämmung der HIV-Epidemie haben. Gerade jetzt braucht es politische Verlässlichkeit. Deutschland und andere internationale Partner sind gefordert, sich weiterhin entschlossen für eine starke globale HIV-Antwort, den Schutz von Menschenrechten und die nachhaltige Finanzierung zentraler Instrumente wie PEPFAR und des Globalen Fonds einzusetzen.
Anstatt durch bilaterale Verträge das meiste für sich herauszuholen, geht es darum, multilaterale Strukturen zu stärken. Institutionen der Vereinten Nationen wie bspw. die WHO, UNAIDS aber auch der Globale Fonds müssen gestärkt werden. Die Studie macht deutlich, was auch die Geschichte der globalen HIV-Arbeit gezeigt hat: Die Beendigung der HIV-Epidemie wird nicht allein durch medizinischen Fortschritt entschieden. Fortschritte wurden immer dort erzielt, wo Regierungen, Wissenschaft und Communities gemeinsam gehandelt haben, getragen von politischem Willen, internationaler Solidarität und einer langfristig verlässlichen Finanzierung.
Die PEPFAR Pulse Study erinnert eindrücklich daran, dass diese Voraussetzungen keine Selbstverständlichkeit sind. Werden insbesondere community-geführte Angebote und Programme für Schlüsselpopulationen nicht gesichert, drohen die Erfolge der vergangenen zwanzig Jahre verloren zu gehen. Von der Trump-Regierung ist kaum zu erwarten, dass sie die Ergebnisse der amfAR-Pulse-Studie als Beleg für die Folgen ihrer Politik akzeptiert. Schon bei einer anderen in Rio präsentierten Analyse reagierte das US-Außenministerium mit dem Hinweis auf methodische Schwächen. Bei der parallel in Rio vorgestellten Analyse zu den Rückgängen bei der HIV-Behandlung von Kindern erklärte das US-Außenministerium, es habe die Studie nicht im Detail geprüft, halte ihre Methodik aber für fehlerhaft und führte den Rückgang vor allem auf sinkende Neuinfektionen zurück. Noch interessanter ist die kommunikative Gegenstrategie: Die Regierung stellt PEPFAR weiterhin als erfolgreiches und „resilientes“ Programm dar, das Millionen Leben gerettet habe und nun stärker auf nationale Eigenverantwortung und US-amerikanische Interessen ausgerichtet werde. Die offiziellen PEPFAR-Daten werden dabei als Beleg für diesen Übergang präsentiert.
Die politische Antwort auf die Pulse-Studie dürfte weniger darin bestehen, ihre Ergebnisse zu widerlegen, als darin, ihre Interpretation umzudeuten: Was amfAR als unmittelbare Folge von Finanzierungskürzungen, Grant-Kündigungen und politisch erzwungener Neuorientierung dokumentiert, wird von der US-Regierung als notwendiger Übergang zu „country ownership“ und als Ausdruck des Erfolgs von PEPFAR dargestellt.
Link zur Studie:
https://www.amfar.org/wp-content/uploads...
Johanna Fipp, Peter Wiessner
Aktionsbündnis gegen AIDS
August 2026
