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Wie über Mittelkürzungen berichten?

Zwischen Krisenberichterstattung und neuen Perspektiven

Das Podium der Session „Rebuilding global health: HIV reporting in a brave new world“ mit Beatriz Grinsztejn, Karl Schmid, Aidah Munzatsi, Nora Bär, David Cox, Apoorva Mandavilli und Moderator Kevin Mendez. Foto: Johanna Fipp.

Bericht eines Podiums der Internationalen AIDS-Konferenz 2026, Rio de Janeiro. Die drastischen Kürzungen der US-Auslandshilfe haben nicht nur die Voraussetzungen der globalen HIV-Arbeit verändert, sondern auch die Art und Weise, wie über HIV berichtet wird: während Journalist*innen in den vergangenen Jahren häufig über wissenschaftliche Durchbrüche, neue Präventionsmethoden oder Fortschritte auf dem Weg, Aids als Bedrohung der öffentlichen Gesundheit zu beenden, berichteten, prägen heute Finanzierungskrisen, politische Entscheidungen und ihre Folgen die Berichterstattung.

Doch wie berichtet man über die damit zusammenhängenden Veränderungen, wenn Krisen zum Alltag geworden sind? Wie berichtet man über den schleichenden Abbau von Gesundheitssystemen, ohne das Publikum mit immer neuen angstmachenden Katastrophenmeldungen zu überfordern? Und welche Themen geraten aus dem Blick?

Mit diesen Fragen beschäftigte sich die Session „Rebuilding global health: HIV reporting in a brave new world“ auf der Welt-AIDS-Konferenz 2026 in Rio de Janeiro. Auf dem Podium diskutierten Journalist*innen aus unterschiedlichen Weltregionen gemeinsam mit Vertreter*innen aus Wissenschaft und Kommunikation darüber, wie sich die HIV-Berichterstattung in den vergangenen anderthalb Jahren verändert hat.

Mit dabei waren Apoorva Mandavilli (The New York Times, USA), Nora Bär (El Destape, Argentinien), David Cox (freier Journalist für The Guardian und NPR, Vereinigtes Königreich), Aidah Munzatsi (Social-Media-Influencerin, Kenia), Karl Schmid (Plus Life Media und KABC Television, USA) sowie Beatriz Grinsztejn, Präsidentin der International AIDS Society (IAS) und Leiterin der HIV-Forschung am Instituto Nacional de Infectologia der Fiocruz in Brasilien. Moderiert wurde die Diskussion von Kevin Mendez von der National AIDS Commission in Belize.

Schon zu Beginn wurde deutlich: Die Debatte drehte sich nicht nur um Journalismus. Sie war zugleich eine Diskussion über die Zukunft der globalen Gesundheit. Aufbereitet wurde auch, wie sich Wahrnehmung, Berichterstattung und Reaktionen im Verlauf der Zeit, von den ersten Berichten über das Ende von USAID bis heute, veränderten.   

Von der Schockstarre zur neuen Realität

Apoorva Mandavilli, die für die New York Times über globale Gesundheit berichtet, beschrieb, wie sich der Fokus in den vergangenen anderthalb Jahren verschoben hat. Stand unmittelbar nach den Kürzungen der US-Auslandshilfe zunächst die Frage im Mittelpunkt, welche Programme betroffen sein würden, geht es heute zunehmend darum, ihre konkreten Auswirkungen sichtbar zu machen. Doch genau das wird schwieriger: wegfallende Datensysteme erschweren die Recherche, während die Aufmerksamkeit für globale Gesundheit in einer von Krisen geprägten Nachrichtenlage abnimmt. Der Gesundheitsjournalismus muss deshalb, so Mandavilli, neue Wege finden, komplexe Entwicklungen verständlich erklären und ihre Relevanz für den Alltag der Menschen deutlich machen.

Zwischen Nachrichtenmüdigkeit und Hoffnung

David Cox beobachtet, dass sich mit der anhaltenden Krisenberichterstattung auch die Erwartungen des Publikums verändert haben: Berichte über Finanzierungslücken und den Wegfall von Gesundheitsangeboten bleiben notwendig, stoßen angesichts der Vielzahl negativer Nachrichten jedoch zunehmend auf Erschöpfung. In seiner eigenen Berichterstattung räumt Cox deshalb Themen wie der Heilungsforschung und anderen wissenschaftlichen Entwicklungen wieder mehr Raum ein, nicht als Gegenentwurf zur Krise, sondern als Teil einer HIV-Berichterstattung, die auch abbildet, wo weiterhin Fortschritte erzielt werden.

Mandavilli bestätigte diese Entwicklung. Viele Menschen sind von der Vielzahl schlechter Nachrichten erschöpft. „People are desperate for good news“, sagt sie dazu. Das darf jedoch nicht dazu führen, schwierige Themen auszublenden. Vielmehr sollten Journalist*innen überlegen, wie sie komplexe Entwicklungen so erzählen können, dass sie auch außerhalb der globalen Gesundheitscommunity Aufmerksamkeit finden.

Wenn Gesundheitspolitik zur politischen Geschichte wird

Wie stark nationale Politik inzwischen die Gesundheitsberichterstattung bestimmt, schilderte Nora Bär am Beispiel der politischen Entwicklungen in Argentinien. Seit dem Amtsantritt von Präsident Javier Milei hat sich ihre journalistische Arbeit grundlegend verändert. Früher hat sie überwiegend über wissenschaftliche Entwicklungen berichtet: heute dominieren politische Entscheidungen den Gesundheitsjournalismus, sagt sie.

Dabei orientiert sich Milei in vielen Bereichen an Donald Trump. So ist im März 2025 rund ein Drittel des HIV- und Impfstoffteams im Gesundheitsministerium entlassen worden, darunter auch Expert*innen für Masern und Hepatitis. Programme wurden eingestellt, die kostenlose Verteilung von Kondomen ist praktisch zum Erliegen gekommen. Präventionsprogramme wurden innerhalb weniger Wochen gestrichen. Mit den Entlassungen geht wertvolles institutionelles Wissen verloren.

Diese Situation bringt Veränderungen mit sich: Für Journalist*innen geht es heute häufig nicht mehr darum, wissenschaftliche Erkenntnisse zu erklären, sondern den schrittweisen Abbau öffentlicher Gesundheitsstrukturen sichtbar zu machen.

Wenn Prävention verschwindet

Aidah Munzatsi schilderte die Situation in Kenia: noch vor wenigen Jahren wurde sie häufig gefragt, warum sie immer wieder über Kondome, PrEP und HIV-Prävention spricht. Heute fehlen vielerorts schlicht die Mittel, um überhaupt noch Präventionskampagnen durchzuführen und davon zu berichten.

Die Finanzierungskürzungen führen zugleich zu einer erneuten Zunahme der Stigmatisierung: Viele Menschen sorgen sich um ihre Behandlung und ihren Zugang zu Gesundheitsdiensten. Munzatsi berichtete aber auch von Solidarität und wie Communities, Gesundheitsfachkräfte und das Gesundheitsministerium versuchen, auf die entstandenen Versorgungslücken zu reagieren und Strukturen unter erheblich schwierigeren Bedingungen aufrechtzuerhalten.

Dabei beurteilt sie die Medienberichterstattung eher kritisch: viele Beiträge über neue Vereinbarungen zwischen Gebern und Regierungen konzentrieren sich fast ausschließlich auf Finanzierungsfragen. Was diese Entscheidungen konkret für Menschen mit HIV bedeuteten, werde dagegen nur selten erklärt, während Fehlinformationen zunehmen und spezialisierte Gesundheitsjournalist*innen immer seltener werden. Im Bereich HIV und globale Gesundheit brauche es deshalb deutlich mehr Aus- und Fortbildungsangebote für Journalist*innen.

Was bedeuten Kürzungen konkret für die Menschen?

Für Karl Schmid stehen bei der Berichterstattung deshalb nicht die politischen Schlagzeilen im Mittelpunkt, sondern ihre Auswirkungen auf den Alltag der Menschen. Der Community-Journalist von Plus Life Media und KABC Television schilderte, wie sich seine Arbeit seit den Mittelkürzungen verändert hat. Es geht für ihn heute weniger darum, immer neue politische Entscheidungen oder Finanzierungsmodelle zu erklären. Viel wichtiger ist ihm die Frage, was diese Entscheidungen konkret für Menschen mit HIV bedeuten.

„Should I be worried?“, „Will I still have access to treatment?“, sind Fragen, die die Menschen bewegen. Journalist*innen müssen deshalb politische Entscheidungen so übersetzen, dass deutlich wird, welche Folgen sie für den Zugang zu Behandlung, Prävention oder Forschung haben. Schmid mahnt an, dass es weniger abstrakte Debatten braucht - und mehr Geschichten darüber, wie sich die Veränderungen auf das Leben der Menschen auswirken.

Schmid sprach in diesem Zusammenhang auch die anhaltende Stigmatisierung von HIV an. Viele Medienhäuser betrachten HIV noch immer als ein „schmutziges“ Thema, das sich nur schwer einem breiten Publikum vermitteln lasse. „HIV is not sexy on breakfast television“, sagte er. Gerade deshalb muss der Journalismus Wege finden, die gesellschaftliche Relevanz des Themas sichtbar zu machen.

Nationale Eigenverantwortung braucht Handlungsspielräume

Einen anderen Blick auf die aktuelle Situation verdeutlichte Beatriz Grinsztejn. Die Präsidentin der International AIDS Society (IAS) betonte, dass die Berichterstattung zwar die dramatischen Folgen der Kürzungen sichtbar gemacht hat - einige wichtige Zusammenhänge finden aber bislang noch immer zu wenig Beachtung.

So wird derzeit häufig gefordert, dass Länder mehr Verantwortung für ihre eigenen Gesundheitssysteme übernehmen müssen, eine Forderung, die für sie zu kurz greift: „Ownership“ lässt sich nicht einfach politisch beschließen, vor allem dann nicht, wenn dafür die finanziellen Voraussetzungen fehlen. Deshalb sollte künftig stärker darüber diskutiert werden, wie Länder überhaupt in die Lage versetzt werden können, ihre Gesundheitssysteme eigenständig zu finanzieren. Aus ihrer Sicht gehört dazu eine Diskussion über Fragen der internationalen Verschuldung und neue Finanzierungsmodelle

Die derzeit zwischen Gebern und einzelnen Staaten geschlossenen Vereinbarungen (MoUs) können kurzfristig helfen, stellen aber keine dauerhafte Lösung dar. Gesundheitspolitik braucht, so Grinsztejn, langfristig verlässliche Finanzierung und Planungssicherheit.

Wenn Daten verschwinden, verschwindet das Wissen über die Krise

Besonders besorgt zeigte sich Grinsztejn über den Verlust von Daten: Mit den Kürzungen werden vielerorts Überwachungs- und Informationssysteme eingestellt, wodurch es zunehmend schwieriger wird, die tatsächlichen Folgen der Finanzierungskrise überhaupt noch zu dokumentieren.

Als Beispiel benennt Grinsztejn Kinder, deren HIV-Behandlung durch die Kürzungen und Umstrukturierung der US-Auslandshilfe unterbrochen wurde: rund 70.000 Kinder haben nach der bisherigen Datenlage den Zugang zu ihrer lebensrettenden HIV-Therapie verloren. Wie sich die Situation seither weiterentwickelt hat und welche Folgen in den kommenden Monaten zu erwarten sind, lässt sich jedoch immer schwerer nachvollziehen, da Datensysteme nicht mehr funktionieren oder nur noch unvollständige Informationen liefern.

„This, is bullshit, sorry“

Aus ihrer Sicht wird außerdem noch immer zu wenig über die Auswirkungen auf Schlüsselpopulationen berichtet. Gleichzeitig erschweren Kriminalisierung, Diskriminierung und restriktive Gesetze in vielen Ländern den Zugang zu Gesundheitsdiensten. Vor diesem Hintergrund kritisierte Grinsztejn die häufig geforderte Integration von HIV in allgemeine Gesundheitssysteme: solange Menschen aus Angst vor Strafverfolgung oder Diskriminierung Gesundheitsangebote nicht nutzen könnten, bleibt eine solche Integration unvollständig: „This is bullshit, sorry“, kommentiert sie die Vorstellung, dass eine Integration unabhängig von Menschenrechten funktionieren könnte.

Wissenschaftlicher Fortschritt allein reicht nicht aus

Zum Abschluss der Diskussion richtete sich der Blick auf medizinische Innovationen. Grinsztejn bezeichnete neue langwirksame Präventionsmedikamente als enorme Chance für die HIV-Prävention, kritisierte aber, dass die Rolle der Pharmaunternehmen und ihre Verantwortung für den Zugang zu diesen Innovationen in der Berichterstattung noch immer zu wenig Beachtung findet.

Als positives Beispiel nannte sie Cabotegravir, für das sich inzwischen realistischere Preisentwicklungen abzeichneten. Zugleich betonte sie, dass neue Medikamente nur dann ihr Potenzial entfalten können, wenn sie zu Preisen verfügbar sind, die den wirtschaftlichen Möglichkeiten der jeweiligen Länder entsprechen. Am Beispiel Brasilien verdeutlichte sie dies: das Land verfügt zwar über ein leistungsfähiges öffentliches Gesundheitssystem, ist aber zugleich eines der Länder mit der größten sozialen Ungleichheit weltweit. Innovationen müssen die Menschen erreichen, die sie am dringendsten benötigten.

Mehr als eine Debatte über Journalismus

In den vergangenen anderthalb Jahren hat sich nicht nur verändert, worüber im Zusammenhang mit HIV berichtet wird, sondern auch, unter welchen Bedingungen diese Berichterstattung stattfindet. Ging es unmittelbar nach den Kürzungen der US-Auslandshilfe zunächst darum, das Ausmaß der Entscheidungen zu verstehen, stehen heute ihre konkreten Folgen im Mittelpunkt. Doch diese sichtbar zu machen, wird immer schwieriger, weil Daten fehlen, Gesundheitsjournalismus unter Druck gerät und das Publikum zunehmend von Krisenmeldungen ermüdet ist.

Genau deswegen bleibt guter Gesundheitsjournalismus unverzichtbar. Er muss politische Entscheidungen verständlich erklären, ihre Auswirkungen auf den Alltag der Menschen sichtbar machen und den Blick auf wissenschaftliche Innovationen und mögliche Lösungen richten, ohne dabei die kritische Frage auszusparen, wer von diesen Fortschritten tatsächlich profitiert und wer Zugang zu ihnen erhält. Denn nur wenn diese Geschichten erzählt werden, bleiben die Folgen der aktuellen Umbrüche in der globalen HIV-Bekämpfung auch öffentlich sichtbar.

Johanna Fipp, Peter Wiessner

Aktionsbündnis gegen AIDS

August 2026

, 2026