Fidschi: Die stille HIV-Krise im Pazifik
Warum die Welt jetzt hinschauen muss

Von der Welt-AIDS-Konferenz in Rio de Janeiro Wer an Fidschi denkt, hat meist Bilder von weißen Sandstränden, türkisfarbenem Wasser und einem tropischen Urlaubsparadies vor Augen. Doch hinter dieser Kulisse entwickelt sich derzeit eine der am schnellsten wachsenden HIV-Epidemien der Welt, eine Krise, die außerhalb des Pazifiks bislang kaum wahrgenommen wird.
Bei einem Medien-Roundtable auf der Internationalen AIDS-Konferenz 2026 in Rio de Janeiro warnten Vertreter der fidschianischen Regierung, Aktivist*innen sowie internationale Expert*innen davor, die Inselrepublik allein zu lassen. Ihre Botschaft war eindeutig: Die HIV-Epidemie auf Fidschi ist kein lokales Problem mehr. Sie könnte zum Testfall dafür werden, wie die Welt auf neue, sich schnell entwickelnde Epidemien reagiert.
Eine Epidemie mit beispielloser Dynamik
Bereits Anfang 2025 erklärte die Regierung Fidschis einen nationalen HIV-Ausbruch. Auslöser war ein dramatischer Anstieg der Neuinfektionen, der vor allem mit der zunehmenden Verbreitung von Crystal Meth und dem gemeinsamen Gebrauch von Spritzen zusammenhängt. Seit 2014 hat sich die Zahl der HIV-Neuinfektionen verzehnfacht. Nach Schätzungen von UNAIDS lebten 2024 rund 5.900 Menschen mit HIV auf Fidschi, bei weniger als einer Million Einwohnern. Aktuelle nationale Schätzungen gehen inzwischen von etwa 12.000 Menschen mit HIV im Jahr 2026 aus.
Jason Mitchell, Leiter der nationalen HIV-Outbreak-Taskforce im Gesundheitsministerium, sprach von einer Situation, die sich in den vergangenen zwei Jahren dramatisch verschärft habe.
„Wir erleben derzeit die am schnellsten wachsende HIV-Epidemie weltweit“, sagte Mitchell. Besonders alarmierend sei die HIV-Prävalenz unter jungen Erwachsenen, die inzwischen über einem Prozent liege, für ein Land dieser Größe ein außergewöhnlich hoher Wert.
Crystal Meth verändert die Epidemie
Während HIV in vielen asiatischen Ländern überwiegend sexuell übertragen wird, verändert Crystal Meth die Dynamik auf Fidschi grundlegend. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums erfolgt inzwischen ein erheblicher Teil der Neuinfektionen durch das gemeinsame Benutzen von Spritzen beim injizierenden Drogenkonsum.
Paradoxerweise sind viele Elemente einer modernen HIV-Strategie bereits vorhanden. Prä-Expositions-Prophylaxe (PrEP) wurde vergleichsweise schnell eingeführt, die HIV-Versorgung wird derzeit landesweit in die regulären Gesundheitsdienste integriert, und gemeindebasierte Präventionsangebote stoßen kaum auf politischen Widerstand.
Was jedoch fehlt, ist aus Sicht nahezu aller Diskussionspartner die wichtigste Maßnahme gegen HIV-Übertragungen beim Drogenkonsum: Programme zur Ausgabe steriler Spritzen und Nadeln.
„Die Spritzen liegen bereits in den Lagern“, berichtete Mitchell. „Sie müssen nur endlich verteilt werden.“
Internationale Erfahrungen zeigen seit Jahrzehnten, dass solche Harm-Reduction-Programme die Zahl der HIV-Neuinfektionen deutlich senken, ohne den Drogenkonsum zu erhöhen.
Alarmierende Versorgungslücken
Besonders besorgniserregend ist der Stand der HIV-Versorgung. Nach UNAIDS kannten 2024 lediglich 36 Prozent der Menschen mit HIV auf Fidschi ihren HIV-Status. Nur rund 24 Prozent erhielten eine antiretrovirale Therapie. Damit gehört Fidschi zu den Ländern mit den größten Versorgungslücken weltweit.
Auch die Mutter-Kind-Übertragung bereitet große Sorgen. Nach Angaben der Taskforce liegt die Übertragungsrate derzeit bei etwa 18 Prozent und gehört damit zu den höchsten weltweit. Nur zum Vergleich: Brasilien eliminierte die vertikale Transmission in 2025, und das bei mehr als 213 Millionen Einwohnern, ein Verweis auf die Stärke des Gesundheitssystems im Land. Eigentlich lässt sich eine HIV-Übertragung während Schwangerschaft und Geburt durch rechtzeitige Diagnose und Behandlung nahezu vollständig verhindern und dies auch in einem Land mit großer Fläche. Siehe Brasilien.
Stigma bleibt ein großes Hindernis
Neben medizinischen Herausforderungen spielt gesellschaftliche Stigmatisierung weiterhin eine zentrale Rolle. Mark Shaheel Lal gründete nach seiner eigenen HIV-Diagnose die Organisation Living Positive Fiji, die erste Selbsthilfeorganisation für Menschen mit HIV auf den Inseln.
„Wir beginnen praktisch bei Null“, sagte er. In einem kleinen Inselstaat kenne jeder jeden. Viele Menschen hätten Angst, dass ihre Diagnose öffentlich werde. Deshalb würden Tests vermieden oder Behandlungen hinausgezögert.
Die Diskussionsrunde schilderte zahlreiche Beispiele fehlender Vertraulichkeit im Gesundheitswesen. Medikamente würden teilweise so ausgegeben, dass der HIV-Status für andere Patient*innen leicht erkennbar sei. Hinzu kämen Mobbing in sozialen Medien sowie die weit verbreitete Vorstellung, HIV sei eng mit Kriminalität oder Drogenkonsum verbunden.
„Nicht jeder möchte offen mit seiner HIV-Infektion leben“, betonte Lal. Umso wichtiger seien Aufklärungskampagnen und die Unterstützung von Menschen mit HIV durch andere Betroffene.
Die Rolle der Zivilgesellschaft
Ein wiederkehrendes Thema der Diskussion war die Bedeutung communitybasierter Organisationen. Dash Hash-Paynter aus Australien betonte, dass gerade Community-Organisationen den Zugang zu besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen ermöglichen. Internationale Erfahrungen zeigten, dass HIV-Programme am erfolgreichsten seien, wenn Menschen mit HIV selbst an Planung und Umsetzung beteiligt würden.
Michelle O'Donnell, die seit drei Jahrzehnten im Pazifik arbeitet und die fidschianische Regierung berät, warnte davor, die Krise als nationales Problem zu betrachten.
Die zunehmende Mobilität innerhalb der Pazifikregion könne dazu beitragen, dass sich die Epidemie über die Inselstaaten hinweg ausbreite. Australien habe deshalb bereits Investitionen von rund 48 Millionen US-Dollar zugesagt, Neuseeland unterstütze den Ausbau der nationalen Programme ebenfalls. Zusätzlich ist eine regionale Konferenz geplant, um Erfahrungen zwischen den Pazifikstaaten auszutauschen.
Lehren aus den Philippinen
Einen Vergleich zog Bert Domingo von den Philippinen. Auch dort steigen die HIV-Neuinfektionen stark an, allerdings überwiegend durch sexuelle Übertragung. Der Anteil injizierenden Drogenkonsums sei mit etwa einem Prozent deutlich geringer als auf Fidschi. Entscheidend seien dort umfassende Sexualaufklärung sowie starke communitybasierte Organisationen.
Streit um internationale Finanzierung
In der Diskussion wurde auch die Rolle des Globalen Fonds zur Bekämpfung von AIDS, Tuberkulose und Malaria angesprochen.
Auf Nachfrage von Peter Wiessner vom Aktionsbündnis gegen AIDS zu Hepatitis C und der Finanzierung von Hepatitis-C-Maßnahmen erklärten Vertreter der Taskforce, dass bestehende Mittel nicht ausreichten. Gerade weil HIV und Hepatitis C bei Menschen, die Drogen injizieren, häufig gemeinsam auftreten, sei eine stärkere Unterstützung notwendig.
Kritisch bewertet wurde zudem, dass Fidschi künftig nur eingeschränkt für Fördermittel des Globalen Fonds in Frage kommen könnte. Die Teilnehmenden appellierten an die internationale Gemeinschaft, die Unterstützung nicht gerade jetzt zurückzufahren.
„Bitte kehren Sie Fidschi jetzt nicht den Rücken“, lautete der eindringliche Appell.
Ein Warnsignal für die Welt
Die Entwicklung auf Fidschi zeigt, wie schnell sich eine HIV-Epidemie verändern kann, wenn neue Risikofaktoren wie Crystal Meth auf unzureichend ausgestattete Gesundheitssysteme treffen.
Während weltweit die Zahl der Neuinfektionen seit 2010 deutlich zurückgegangen ist, entstehen in einigen Regionen neue Hotspots. Global lebten Ende 2025 rund 40,9 Millionen Menschen mit HIV. Etwa 32,1 Millionen erhielten eine antiretrovirale Therapie, dennoch infizierten sich im vergangenen Jahr noch rund 1,2 Millionen Menschen neu mit HIV.
Fidschi steht exemplarisch für diese Entwicklung. Die notwendigen Instrumente sind bekannt: flächendeckende HIV-Tests, frühzeitige Behandlung, Harm-Reduction-Angebote, PrEP und eine starke Einbindung der Zivilgesellschaft. Ob die Epidemie eingedämmt werden kann, hängt nun vor allem davon ab, ob nationale Reformen und internationale Unterstützung schnell genug greifen.
Peter Wiessner, 30.07.2026
Aktionsbündnis gegen AIDS
Kontakt: wiessner@aktionsbuendnis-aids.de
