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Pressekonferenz zur Eröffnung der Welt-AIDS-Konferenz 2026

UNAIDS warnt vor historischem Rückschritt

Fotocollage: Pressekonferenz zur Eröffnung der Welt-AIDS-Konferenz 2026 in Rio de Janeiro. Im Mittelpunkt standen der neue UNAIDS Special Report 2026 und die Auswirkungen der globalen Finanzierungskrise auf die HIV-Arbeit. © Aktionsbündnis gegen AIDS

Rio de Janeiro, 27. Juli 2026 Die Welt verfügt heute über das Wissen, die Medikamente und die wissenschaftlichen Möglichkeiten, Aids als Bedrohung der öffentlichen Gesundheit zu beenden. Trotzdem drohen die Erfolge von mehr als drei Jahrzehnten globaler HIV-Arbeit verloren zu gehen.

Der Grund sind nicht fehlendes wissenschaftliches Wissen oder mangelnde Innovation, sondern politische Entscheidungen: drastische Kürzungen der internationalen Finanzierung, zunehmende Angriffe auf Menschenrechte und ein wachsender Rückzug vieler Geberländer aus ihrer globalen Verantwortung. Diese Warnung zog sich wie ein roter Faden durch die offizielle Pressekonferenz zur Eröffnung der 26. Welt-AIDS-Konferenz in Rio de Janeiro.

Auf dem Podium diskutierten Beatriz Grinsztejn, Präsidentin der International AIDS Society (IAS), Winnie Byanyima, Exekutivdirektorin von UNAIDS und Untergeneralsekretärin der Vereinten Nationen, Erika Castellanos, Exekutivdirektorin von Global Action for Trans Equality (GATE), Mathume Joseph „Joe“ Phaahla, stellvertretender Gesundheitsminister Südafrikas, Jarbas Barbosa, Direktor der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation (PAHO), sowie Mariângela Simões, Staatssekretärin für Gesundheits- und Umweltüberwachung im brasilianischen Gesundheitsministerium. Im Mittelpunkt stand der neue UNAIDS Special Report 2026, der eindrücklich zeigt, wie eng wissenschaftlicher Fortschritt, politische Entscheidungen und internationale Solidarität miteinander verbunden sind.

Politische Entscheidungen gefährden jahrzehntelange Fortschritte

Der neue UNAIDS-Bericht zeichnet ein widersprüchliches Bild: Noch nie hatten so viele Menschen Zugang zu einer HIV-Therapie, dennoch gerät die globale HIV-Arbeit so stark unter Druck wie seit Beginn Anfang der 2000er Jahre nicht mehr.

Ende 2025 lebten weltweit rund 41 Millionen Menschen mit HIV. Im vergangenen Jahr kam es zu 1,2 Millionen Neuinfektionen und 570.000 aidsbedingten Todesfällen, die niedrigsten Werte seit mehr als 30 Jahren. Dennoch ist die Welt nicht auf Kurs, Aids bis 2030 als Bedrohung der öffentlichen Gesundheit zu beenden. Im Vergleich zu den internationalen 2030-Zielen gab es 2025 rund eine Million mehr HIV-Neuinfektionen und 400.000 mehr aidsbedingte Todesfälle als angestrebt.

Auch die Behandlung wurde weiter ausgebaut: 32,1 Millionen Menschen erhalten inzwischen eine antiretrovirale Therapie. Doch die Fortschritte erreichen längst nicht alle. Weltweit hat nur gut jedes zweite Kind Zugang zu lebensrettenden HIV-Medikamenten.

Besonders alarmierend ist die Finanzierungslage. Die Beiträge internationaler Geberregierungen gingen 2025 um 25 Prozent zurück, der stärkste Rückgang seit Beginn der internationalen HIV-Finanzierung im Jahr 2002. Was wie eine abstrakte Haushaltszahl klingt, hat ganz konkrete Folgen: Präventionsprogramme werden eingestellt, Community-geführte Angebote geschlossen und Gesundheitsdienste ausgedünnt, oft dort, wo sie am dringendsten gebraucht werden.

Bereits zum Auftakt der Pressekonferenz warnte Beatriz Grinsztejn vor den Konsequenzen dieser Entwicklung:

„Wir kommen nach Rio de Janeiro in einem Moment echter Gefahr für die HIV-Arbeit. Noch nie sind die internationalen Gebermittel soweit und so schnell zurückgegangen, und diejenigen, die am verletzlichsten sind, zahlen bereits jetzt den Preis.“

Wissenschaft allein reicht nicht

Für Winnie Byanyima steht fest: Die größte Herausforderung ist heute nicht mehr medizinischer, sondern politischer Natur.

„Die Wissenschaft hat ihre Arbeit getan. Jetzt muss die Politik liefern”

Mehr Menschen als jemals zuvor erhielten heute eine HIV-Therapie. Gleichzeitig würden 45 Prozent aller Kinder mit HIV weiterhin nicht behandelt. Hinzu komme ein weltweiter Rückschritt bei den Menschenrechten. 66 Staaten kriminalisieren gleichgeschlechtliche Beziehungen, 168 Staaten Aspekte der Sexarbeit und 152 Staaten den Drogenkonsum. Wo Menschen Angst vor Verfolgung, Gewalt oder Diskriminierung hätten, würden sie Gesundheitsangebote meiden, mit direkten Folgen für die HIV-Epidemie.

Menschenrechte und HIV-Arbeit sind untrennbar miteinander verbunden

Trotz allem sieht Byanyima die Chance, Aids bis 2030 zu beenden. Voraussetzung sei, dass die neue Politische Erklärung der Vereinten Nationen umgesetzt und die Finanzierung der HIV-Arbeit gesichert werde.

„Die Frage lautet nicht mehr, ob wir Aids beenden können. Die Frage lautet, ob wir uns dafür entscheiden.“

Finanzierungskürzungen kosten Menschenleben

Besonders eindringlich sprach Erika Castellanos, Exekutivdirektorin von Global Action for Trans Equality (GATE), über die Auswirkungen der aktuellen Kürzungen.

„Die Finanzierung ist nicht einfach verschwunden. Das war kein Erdbeben und keine Naturkatastrophe. Die Finanzierung wurde gekürzt.“

Die Folgen träfen vor allem diejenigen, die ohnehin am stärksten ausgegrenzt werden: trans Menschen, Sexarbeiter*innen, schwule und bisexuelle Männer, Menschen, die Drogen konsumieren, Migrant*innen und andere kriminalisierte Bevölkerungsgruppen. Gerade Community-geführte Angebote, die häufig den einzigen diskriminierungsfreien Zugang zu Prävention, Behandlung und Beratung ermöglichen, seien von den Kürzungen besonders betroffen.

Auch Joe Phaahla, stellvertretender Gesundheitsminister Südafrikas, machte deutlich, dass afrikanische Staaten ihre Eigeninvestitionen zwar ausbauen, internationale Solidarität aber nicht kurzfristig ersetzen können.

„Das ist keine Bitte um Wohltätigkeit. Es ist ein Aufruf zu gemeinsamer Verantwortung.“

Für Jarbas Barbosa von der PAHO sind die Voraussetzungen vorhanden, um HIV als Bedrohung der öffentlichen Gesundheit zu beenden.

„Wir wissen, wie wir HIV als Bedrohung der öffentlichen Gesundheit beenden können. Wissenschaft, Instrumente und Evidenz liegen bereits vor.“

Auch Gastgeberland Brasilien unterstrich die Bedeutung eines menschenrechtsbasierten Zugangs. Mariângela Simões erinnerte daran, dass medizinischer Fortschritt nur dann Wirkung entfaltet, wenn alle Menschen Zugang dazu haben.

„Innovation ohne Zugang ist keine Innovation, sie ist Ungerechtigkeit.“

Gerechter Zugang zu Lenacapavir

In der Fragerunde sprach Peter Wiessner vom Aktionsbündnis gegen AIDS den Zugang zum langwirksamen HIV-Präventionsmedikament Lenacapavir der Firma Gilead an. Er verwies darauf, dass zahlreiche Länder mit mittlerem Einkommen, darunter Brasilien und weitere Staaten Lateinamerikas - bislang nicht von freiwilligen Lizenzvereinbarungen profitieren, obwohl die Studien teilweise dort durchgeführt wurden, mit allen Risiken für die daran Teilnehmenden, um zu fragen, ob dies nicht ungerecht sei, und was in die Wege geleitet werden müsse, sodass wie ein gerechter Zugang sichergestellt werden könne.

Winnie Byanyima unterstrich in ihrer Antwort das enorme Potenzial von Lenacapavir für die HIV-Prävention. Entscheidend sei nun, dass sich die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholten. Neue medizinische Innovationen dürften nicht erneut nur den Menschen zugutekommen, die in wohlhabenden Ländern leben. Damit Lenacapavir weltweit Leben retten könne, müssten freiwillige Lizenzvereinbarungen ausgeweitet, die Preise gesenkt und die Herstellung von Generika ermöglicht werden.

Zum Abschluss brachte Erika Castellanos die politische Dimension der aktuellen Finanzierungskrise noch einmal auf den Punkt:

„Sie fordern von den Ländern Eigenverantwortung und dass sie ihre Probleme selbst lösen, nachdem Sie ihnen zuvor alles genommen haben.“

Ihre Worte machten deutlich, worum es in Rio nicht nur auf dieser Pressekonferenz immer wieder geht: Die Zukunft der globalen HIV-Arbeit entscheidet sich nicht allein in Laboren oder auf wissenschaftlichen Kongressen. Sie entscheidet sich dort, wo Regierungen über Haushalte, internationale Solidarität und den Schutz der Menschenrechte entscheiden.

Johanna Fipp,

Rio de Janeiro

Aktionsbündnis gegen AIDS

, 2026