Interview zur WELT-AIDS-Konferenz 2026
Was fehlt ist nicht das medizinische Wissen, sondern der politische Wille

Zur Eröffnung der Welt AIDS Konferenz 2026, sprach der Hessische Rundfunk mit Peter Wiessner vom Aktionsbündnis gegen AIDS in Rio de Janeiro. Der untenstehende Text stellt nicht den gesprochene Wort, sondern das zugrundeliegende Manuskript dar.
Hessischer Rundfunk: Das Konferenzmotto lautet „Rethink. Rebuild. Rise.“ – also „Überdenken. Wiederaufbauen. Aufstehen.“ Das klingt so, als wäre der Kampf gegen Aids weltweit ins Stocken geraten oder sogar zusammengebrochen. Stimmt dieser Eindruck?
Wiessner: Ja, ich denke, das kann man so sagen. Dass der Kampf gegen HIV ins Stocken geraten ist, lässt sich kaum bestreiten. Ob er tatsächlich zusammenbricht, hängt jetzt von politischen Entscheidungen ab. Sie werden darüber entscheiden, ob das Ziel der Weltgemeinschaft, Aids bis 2030 zu beenden, noch erreichbar bleibt.
Leider erleben wir weltweit einen Rückzug von internationaler Solidarität. Statt gemeinsam Lösungen zu entwickeln, werden viele der Strukturen angegriffen, die in den vergangenen Jahrzehnten aufgebaut wurden. Dazu gehören die Vereinten Nationen und ihre Organisationen wie UNAIDS oder die WHO. Gleichzeitig gehen die Finanzmittel für multilaterale Institutionen zurück, der Handlungsspielraum der Zivilgesellschaft wird immer kleiner, menschenrechtsbasierte Ansätze geraten unter Druck, und Diskriminierung sowie Kriminalisierung der besonders von HIV betroffenen Bevölkerungsgruppen nehmen wieder zu.
Genau über diese Entwicklungen wird auf der Welt-AIDS-Konferenz intensiv diskutiert. Denn sie entscheiden letztlich darüber, ob wir die Erfolge der vergangenen Jahrzehnte sichern oder verspielen.
Hessischer Rundfunk: Wo stehen wir denn heute bei der weltweiten Bekämpfung von HIV?
Wiessner: Zunächst einmal muss man sagen: Die Geschichte der HIV-Bekämpfung ist auch eine große Erfolgsgeschichte.
Was früher nahezu immer eine tödliche Erkrankung war, ist heute in den meisten Fällen eine gut behandelbare chronische Krankheit. Menschen, die wirksam behandelt werden, geben das Virus nicht mehr weiter. Seit 2004 konnten die HIV-bedingten Todesfälle weltweit um rund 75 Prozent gesenkt werden, und die Zahl der Neuinfektionen ist seit 2002 um etwa 60 Prozent zurückgegangen.
Trotzdem ist HIV keineswegs besiegt. Nach aktuellen Schätzungen von UNAIDS leben weltweit rund 40,8 Millionen Menschen mit HIV. Im vergangenen Jahr gab es immer noch etwa 1,2 Millionen Neuinfektionen und rund 530.000 Menschen starben an den Folgen von Aids. Gleichzeitig haben noch immer etwa 9,2 Millionen Menschen keinen Zugang zu lebenswichtigen HIV-Medikamenten.
Das größte Hindernis ist dabei oft gar nicht die Medizin. Die haben wir. Das Problem sind Stigmatisierung, Diskriminierung und Kriminalisierung. In vielen Ländern verhindern Gesetze, gesellschaftliche Vorurteile oder traditionelle Einstellungen, dass Menschen sich testen lassen oder rechtzeitig behandelt werden.
Hessischer Rundfunk: Überall werden Gelder gekürzt. Besonders die USA haben sich mit dem Ende von USAID weitgehend aus der internationalen HIV-Hilfe zurückgezogen. Welche Folgen sind bereits spürbar?
Wiessner: Die Folgen sind dramatisch – und sie sind inzwischen gut dokumentiert. Passend zur Welt-AIDS-Konferenz wurde die PEPFAR-PULSE-Studie veröffentlicht. Ihre Ergebnisse dürften der US-Regierung kaum gefallen.
In vielen Ländern sind Versorgungsstrukturen praktisch über Nacht zusammengebrochen. Rund 1.700 Kliniken und Anlaufstellen mussten weltweit schließen. Besonders betroffen sind Angebote, die von den Communities selbst aufgebaut wurden – also genau jene Einrichtungen, die Menschen erreichen, die sonst kaum Zugang zum Gesundheitssystem haben.
Die HIV-Prävention ist vielerorts um mehr als die Hälfte eingebrochen. Die Verteilung von Kondomen ist nach anderen Untersuchungen sogar um rund 80 Prozent zurückgegangen. Fast drei Viertel der Programme für besonders gefährdete Gruppen - etwa Männer, die Sex mit Männern haben, Drogengebrauchende oder Sexarbeiter*innen - mussten mindestens ein Angebot dauerhaft einstellen. Auch Programme zur Verhinderung der vertikalen Transmission (Mutter-Kind-Übertragung) sind massiv betroffen.
Die USA setzen inzwischen vor allem auf bilaterale Hilfe im Rahmen ihrer „America First“-Strategie. Diese Unterstützung ist häufig an ideologische Bedingungen geknüpft – etwa bei Fragen von Geschlechterrollen oder sexuellen und reproduktiven Rechten. Das hat ganz konkrete Auswirkungen auf die Gesundheitsversorgung. Medizinische Hilfe sollte sich am Bedarf der Menschen orientieren und nicht an politischen Ideologien.
Hessischer Rundfunk: Die Vereinten Nationen wollen die AIDS-Pandemie bis 2030 beenden. Das sind nur noch etwas mehr als drei Jahre. Ist dieses Ziel überhaupt noch realistisch?
Wiessner: Die ehrliche Antwort lautet: ja, aber nur, wenn jetzt politisch gehandelt wird.
Wir verfügen heute über alle Instrumente, um Aids als Bedrohung der öffentlichen Gesundheit zu beenden. Was fehlt, ist nicht das medizinische Wissen, sondern der politische Wille und die Finanzierung.
Ein gutes Beispiel ist das neue Präventionsmedikament Lenacapavir. Zwei Injektionen pro Jahr können HIV-Infektionen nahezu vollständig verhindern. Das kommt einer Impfung schon sehr nahe.
Das eigentliche Problem ist der Preis. Gilead verlangt derzeit für eine Jahresbehandlung rund 28.200 US-Dollar. Unabhängige Wissenschaftler der Universität Liverpool schätzen die Herstellungskosten dagegen auf lediglich 25 bis 40 US-Dollar. Diese enorme Differenz zeigt, dass auch die Pharmaindustrie ihren Beitrag leisten muss. Lebensrettende Medikamente dürfen kein Luxusgut sein.
Staaten müssen deshalb ihre Möglichkeiten nutzen, etwa durch Preisregulierung oder Zwangslizenzen. Kolumbien hat mit einer Zwangslizenz für Dolutegravir bereits gezeigt, dass das möglich ist. Gleichzeitig brauchen wir starke internationale Organisationen wie UNAIDS und ausreichende Finanzmittel, damit wissenschaftliche Fortschritte auch tatsächlich bei den Menschen ankommen.
Hessischer Rundfunk: UN-Expert*innen warnen davor, dass die Aids-Pandemie wieder an Dynamik gewinnen könnte. Ist diese Sorge berechtigt?
Wiessner: Ja, diese Sorge ist absolut berechtigt.
Wenn wir jetzt nicht gegensteuern, werden wir in wenigen Jahren wieder steigende Zahlen bei Neuinfektionen und Aids-bedingten Todesfällen erleben. Das geschieht nicht von heute auf morgen, weil gleichzeitig weniger getestet wird und Infektionen deshalb zunächst unentdeckt bleiben. Aber die Entwicklung ist absehbar.
Das Tragische ist: Es wäre vermeidbar. Nach über 40 Jahren HIV-Bekämpfung wissen wir sehr genau, welche Maßnahmen funktionieren. Wir haben wirksame Medikamente, hervorragende Präventionsmöglichkeiten und jahrzehntelange Erfahrung. Es fehlt nicht an Wissen – es fehlt am politischen Willen, dieses Wissen konsequent umzusetzen.
Hessischer Rundfunk: Noch einmal zurück zum Motto der Konferenz: „Rethink. Rebuild. Rise.“ Was wäre für Sie das wichtigste Signal, dass dieses Motto in Rio tatsächlich eingelöst wurde?
Wiessner: Für mich wäre das wichtigste Signal ein klares Bekenntnis zur internationalen Zusammenarbeit.
Wir brauchen starke multilaterale Institutionen wie UNAIDS, den Globalen Fonds und die WHO. Sie müssen finanziell und politisch gestärkt werden, statt sie weiter zu schwächen.
Ebenso wichtig ist, dass Programme sich an Menschenrechten und wissenschaftlichen Erkenntnissen orientieren – nicht an ideologischen Vorgaben. Die Bedürfnisse der Menschen mit HIV und der besonders gefährdeten Gruppen müssen im Mittelpunkt stehen. Und diese Menschen müssen selbstverständlich an der Planung und Umsetzung der Programme beteiligt werden.
Am Ende entscheidet sich politische Glaubwürdigkeit nicht an schönen Reden oder Konferenzmottos, sondern daran, ob Regierungen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen und die notwendigen Mittel bereitzustellen. Wenn Rio dafür ein starkes Signal sendet, wäre schon viel gewonnen.
Rio de Janeiro, 27.07.2026
