Feature Welt-AIDS-Konferenz 2026
„Schöne, neue Welt!?“ Die Zukunft der globalen HIV-Arbeit

Die globale HIV-Arbeit steht vor einer Richtungsentscheidung geprägt von der Stärkung nationaler Eigenverantwortung, geopolitischem Wandel und ideologischer Neuausrichtung.
Selten zuvor haben sich Finanzierung, politische Rahmenbedingungen und die normativen Grundlagen der internationalen Zusammenarbeit gleichzeitig so stark verändert wie heute. Drei Entwicklungen prägen diesen Wandel: die Neuausrichtung der US-amerikanischen Entwicklungspolitik, die Reform der multilateralen Gesundheitsarchitektur sowie die Forderung vieler afrikanischer Staaten nach mehr Eigenverantwortung für ihre Gesundheitssysteme, ein Argument, das im globalen Norden gerne aufgegriffen wird, verschleiert es doch generelle Tendenzen der Entsolidarisierung und den Rückzug aus globaler Verantwortung. Auf wessen Kosten gehen diese Entwicklungen?
Die Folgen dieser Entwicklungen sind längst nicht mehr nur Gegenstand politischer Debatten. Die aktuelle PEPFAR Pulse Study, durchgeführt von amfAR, zeigt erstmals empirisch, welche Auswirkungen sie bereits heute auf die HIV-Versorgung, Community-Angebote und Gesundheitssysteme in vielen Ländern haben.
Ein Paradigmenwechsel in der US-amerikanischen HIV-Politik unter Trump
Mit der Auflösung von USAID und der Überführung großer Teile der Entwicklungszusammenarbeit in die Verantwortung des US-Außenministeriums verfolgt die US-Regierung unter Trump einen grundlegend neuen Ansatz. Entwicklungszusammenarbeit wird nicht länger in erster Linie als Instrument globaler Solidarität verstanden, sondern stärker an außen-, wirtschafts- und sicherheitspolitischen Eigeninteressen der Vereinigten Staaten ausgerichtet: dabei geht es auch um die Sicherstellung von Ressourcen durch die Ausbeutung von Bodenschätzen und anderen Ressourcen. Nicht umsonst nennt sich die globale Gesundheitsstrategie der US-Regierung „America First Global Health Strategy“: Zugleich sollen Partnerländer mehr Eigenverantwortung übernehmen und staatliche Strukturen ausgebaut werden.
„Schöne neue Welt“ (A. Huxley)
Auch einige afrikanische Regierungen fordern mehr nationale Verantwortung und eine schrittweise Abkehr von der dauerhaften Abhängigkeit internationaler Geber. Das Schlagwort dazu nennt sich „Local Ownership“, gestärkt werden soll die lokale oder nationale Eigenverantwortung, eigentlich ein wichtiges Prinzip nachhaltiger Entwicklungszusammenarbeit.
Die Stärkung lokaler Eigenverantwortung darf jedoch nicht mit einem Rückzug internationaler Verantwortung verwechselt werden. Mehr Eigenverantwortung setzt voraus, dass nationale Gesundheitssysteme schrittweise gestärkt und langfristig finanziert werden. Viele Länder mit hoher HIV-Prävalenz verfügen derzeit jedoch weder über die finanziellen Spielräume noch über ausreichend belastbare Gesundheitssysteme, um den Rückgang internationaler Finanzierung kurzfristig aufzufangen. Hohe Staatsverschuldung, steigende Zinslasten, die Folgen des Klimawandels und wachsende humanitäre Krisen begrenzen die Handlungsspielräume zusätzlich.
Die Diskussion über die Stärkung lokaler Verantwortung ist daher keine Frage des "Ob", sondern des "Wie". Erfolgreiche Übergänge benötigen Zeit, Planung und verlässliche Partnerschaften. Werden internationale Finanzierungszusagen schneller zurückgefahren als nationale Strukturen aufgebaut werden können, entstehen Versorgungslücken, mit unmittelbaren Folgen für Menschen mit HIV, Behandlung, Prävention und geschaffene Versorgungsstrukturen.
Rechtsgerichtete politische Ideologien verändern die Entwicklungszusammenarbeit
Der Wandel betrifft jedoch nicht nur die Finanzierung, sondern auch die politischen und normativen Grundlagen der internationalen Zusammenarbeit.
„Und wer Geld gibt, schafft an“, so ein altes deutsches Sprichwort. Wer finanziert oder bezahlt, bestimmt auch die Regeln, Prioritäten und Entscheidungen. Die US-Regierung macht davon schamlos Gebrauch. So wurden zahlreiche Förderbedingungen neu definiert, Programme zu Diversität, Gleichstellung und Inklusion (DEI), Gendergerechtigkeit sowie sexueller und reproduktiver Gesundheit und Rechte (SRHR) wurden eingeschränkt oder aus der Förderung ausgeschlossen. Hinzu kommen Vorgaben zum Sprachgebrauch und zu den inhaltlichen Schwerpunkten geförderter Programme.
Darüber hinaus wird das Konzept des „Human Flourishing“ als neues Leitbild der US-amerikanischen Entwicklungszusammenarbeit propagiert. Wörtlich steht der Begriff für menschliches Wohlergehen und Entfaltung. In der aktuellen politischen Praxis wirkt er jedoch zunehmend wie ein Euphemismus für die Abkehr von einem menschenrechtsbasierten Ansatz. Programme zu Geschlechtergerechtigkeit, sexueller und reproduktiver Gesundheit und Rechten (SRHR) oder zur Unterstützung von LGBTIQ+-Communities werden eingeschränkt oder ganz von der Förderung ausgeschlossen. Der Verweis auf „Human Flourishing“ ist daher paradox, um nicht zu sagen zynisch: Ausgerechnet unter dem Leitbild „menschlichen Gedeihens“ werden Maßnahmen zurückgedrängt, die nachweislich Gesundheit fördern, Leben schützen und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen.
Um auf das oben zitierte Buch „schöne, neue Welt!“ zurückzukommen: Huxleys dystopische Gesellschaft funktioniert nicht dadurch, dass Menschen offen unterdrückt werden. Vielmehr werden positiv klingende Begriffe wie Glück, Wohlbefinden, Stabilität oder Gemeinwohl genutzt, um gesellschaftliche Kontrolle zu legitimieren. Niemand soll sich unterdrückt fühlen – vielmehr soll jeder glauben, dass alles zu seinem Besten geschieht.
„Big brother is watching you!“ (G. Orwell)
Aus Sicht vieler zivilgesellschaftlicher Organisationen entstehen durch die US-Vorgaben neue politische Tabuzonen. Zahlreiche Organisationen berichten, dass Begriffe wie Gender, Gender Equality, LGBTIQ+, Sexual and Reproductive Health and Rights (SRHR) oder Diversity, Equity and Inclusion (DEI) aus Projektanträgen, Berichten oder Strategien gestrichen oder bewusst vermieden werden, um Förderfähigkeit nicht zu gefährden. Diese Form des vorauseilenden Gehorsams verändert Programme häufig bereits, bevor formale Verbote ausgesprochen werden.
Gerade für die HIV-Arbeit ist dies problematisch. Seit Beginn der Epidemie beruhen erfolgreiche HIV-Programme auf wissenschaftlicher Evidenz und epidemiologischen Daten – nicht auf politischen Präferenzen und Ideologien. Schlüsselgruppen werden nicht aufgrund identitätspolitischer Überlegungen besonders berücksichtigt, sondern weil sie in nahezu allen Regionen der Welt ein deutlich höheres HIV-Risiko tragen, sondern auch häufig diskriminiert und von regulären Gesundheitssystemen ausgeschlossen sind.
Erste Folgen sind sichtbar: Ergebnisse der PEPFAR Pulse Study
Natürlich bleiben diese Entwicklungen der US-Politik nicht ohne Auswirkungen. Die PEPFAR Pulse Study zeigt erste Ergebnisse und das Ausmaß der Veränderungen. Die Studie analysiert die Auswirkungen der Kürzungen der US-amerikanischen Entwicklungszusammenarbeit im Jahr 2025 auf die weltweite HIV-Arbeit. Hierfür wurden 166 PEPFAR-Partnerorganisationen in 46 Ländern zu den Folgen für Finanzierung, Personal und HIV-Dienstleistungen befragt und mit offiziellen PEPFAR-Ausgabendaten verglichen.
Die Ergebnisse werden der US-Regierung nicht gefallen
Mehr als drei Viertel der befragten Organisationen berichteten von gekündigten oder ausgesetzten Förderverträgen. Mindestens 1.700 Gesundheits- und Beratungsstandorte wurden geschlossen, über 16.000 Beschäftigte verloren ihre Arbeit. Besonders betroffen waren lokale Organisationen und Community-basierte Angebote.
Am stärksten traf die Entwicklung Programme für Schlüsselgruppen sowie Präventionsmaßnahmen. Rund drei Viertel der Organisationen mussten mindestens ein Angebot für besonders vulnerable Gruppen dauerhaft einstellen. Parallel dazu wurden Community-basierte Prävention, Peer-Beratung, aufsuchende Gesundheitsarbeit und Programme gegen Stigmatisierung erheblich reduziert.
Die Studie zeigt außerdem, dass selbst die HIV-Behandlung beeinträchtigt wurde, obwohl sie offiziell von Kürzungen ausgenommen war. Behandlung funktioniert eben nicht isoliert. Sie setzt funktionierende Prävention, Community-Arbeit, psychosoziale Unterstützung, Laborkapazitäten und stabile Lieferketten voraus. Werden diese Strukturen geschwächt, leidet letztlich das gesamte Versorgungssystem.
Warum Zivilgesellschaft unverzichtbar bleibt
Eine der wichtigsten Lehren aus mehr als vier Jahrzehnten HIV-Arbeit lautet: Erfolgreiche Programme entstehen dort, wo Regierungen, Wissenschaft und Zivilgesellschaft partnerschaftlich zusammenarbeiten.
Community-geführte Organisationen erreichen Bevölkerungsgruppen, die staatliche Gesundheitssysteme häufig nicht erreichen können - sei es aufgrund von Kriminalisierung, Diskriminierung oder mangelndem Vertrauen. Sie leisten Prävention, Therapiebegleitung, psychosoziale Unterstützung und Menschenrechtsarbeit. Diese Leistungen lassen sich nicht ohne Weiteres durch staatliche Strukturen ersetzen.
Gerade viele afrikanische Organisationen unterstützen deshalb zwar ausdrücklich das Ziel größerer nationaler Eigenverantwortung, warnen jedoch davor, die Stärkung der Eigenverantwortung mit einem Rückzug internationaler Solidarität gleichzusetzen. Lokale Verantwortung benötigt langfristige Investitionen und verlässliche Partnerschaften, nicht abrupte Finanzierungslücken.
Gesundheitspolitisch und ökonomisch der falsche Weg
Auch aus ökonomischer Sicht erscheint der derzeitige Kurs problematisch. HIV-Prävention und frühzeitige Behandlung gehören zu den kosteneffektivsten Investitionen im Gesundheitsbereich. Verhinderte HIV-Neuinfektionen vermeiden jahrzehntelange Behandlungskosten.
Kurzfristige Einsparungen bei Prävention und Community-Arbeit führen daher mit hoher Wahrscheinlichkeit zu höheren langfristigen Kosten - sowohl für die betroffenen Staaten als auch für internationale Geber.
Schlussfolgerungen
Die gegenwärtige Krise der globalen HIV-Arbeit ist weit mehr als eine Finanzierungsdebatte. Sie markiert einen grundlegenden Wandel der internationalen Entwicklungszusammenarbeit.
Aus unserer Sicht sollte dieser Wandel auf vier Grundprinzipien beruhen:
- Die Stärkung lokaler Eigenverantwortung braucht internationale Solidarität. Mehr Eigenverantwortung darf nicht den Rückzug internationaler Unterstützung legitimieren.
- Gesundheitspolitik muss wissenschafts- und menschenrechtsbasiert bleiben. Epidemiologische Evidenz darf nicht durch ideologisch geprägte Vorgaben ersetzt werden.
- Zivilgesellschaft ist kein Ergänzungsangebot, sondern ein tragender Pfeiler erfolgreicher HIV-Programme. Community-geführte Organisationen müssen auch künftig als gleichberechtigte Partner finanziert und politisch eingebunden werden.
- Ungleichheit, Diskriminierung und eine ungerechte Verteilung von Ressourcen bleiben nach wie vor Themen, die uns begleiten werden.
Die PEPFAR Pulse Study zeigt eindrücklich, dass die derzeitigen Veränderungen nicht nur einzelne Projekte betreffen. Sie gefährden die internationale HIV-Architektur, die in den vergangenen zwanzig Jahren Millionen Menschenleben gerettet hat. Die Herausforderung besteht deshalb nicht darin, zwischen staatlicher Verantwortung und internationaler Solidarität zu wählen. Erfolgreiche HIV-Politik braucht beides, starke nationale Gesundheitssysteme und eine verlässliche internationale Partnerschaft, in der Zivilgesellschaft, Menschenrechte und wissenschaftliche Evidenz ihren festen Platz behalten.
Wenn politische Zusagen nicht in verlässliche Finanzierung übersetzt werden, bleiben Solidarität und Partnerschaft leere Versprechen. Gemeinsam mit unseren Partnern Alliance for Public Health (APH) und dem Global Fund Advocates Network (GFAN) setzen wir uns deshalb mit der Kampagne „Together We Save Lives“ dafür ein, dass internationale Verpflichtungen auch eingehalten werden. Denn nur wenn Zusagen tatsächlich umgesetzt werden, können die anstehenden Transformationsprozesse in die richtige Richtung gelenkt werden und nicht in eine „schöne neue Welt“, in der Solidarität zur Floskel wird und politische Versprechen ihre Bedeutung verlieren.
26.07.2026 Peter Wiessner und Johanna Fipp, Aktionsbündnis gegen AIDS
Pressekontakt
Peter Wiessner
Aktionsbündnis gegen AIDS e. V.
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