Rückblick auf Fireside Chat II: Gender under Pressure
Wir müssen sicherstellen, dass Schlüsselgruppen in politischen Verpflichtungen sichtbar bleiben

Die globale HIV-Arbeit steht zunehmend unter Druck. Weltweit verändern Anti-Gender-Bewegungen, Angriffe auf sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte (SRGR) sowie zunehmende Einschränkungen der Rechte von Frauen, Mädchen, trans Personen und LGBTIQ+-Communities politische Debatten, Finanzierungsprioritäten und Programme im Bereich der öffentlichen Gesundheit.
Diese Entwicklungen standen im Mittelpunkt des zweiten virtuellen Kaminfeuer-Gesprächs, das am 8. Juni 2026 vom Aktionsbündnis gegen AIDS gemeinsam mit Partnerorganisationen veranstaltet wurde. Mit Cate Nyambura (ATHENA Network), Amanita Calderón-Cifuentes (Trans Europe and Central Asia – TGEU) und Gracia Violeta Ross (Ökumenischer Rat der Kirchen) diskutierten die Teilnehmenden darüber, wie Anti-Gender- und Anti-Rechte-Bewegungen die globale HIV-Bekämpfung beeinflussen und was getan werden kann, um evidenzbasierte und menschenrechtsorientierte Ansätze zu verteidigen.
Zu Beginn der Diskussion betonte Tilman Rüppel von medmissio und Vorstandsmitglied des Aktionsbündnisses, dass Geschlechtergerechtigkeit kein Randthema der HIV-Arbeit sei, sondern ein zentraler Gesundheitsfaktor. Angesichts schrumpfender zivilgesellschaftlicher Handlungsspielräume, drastischer Mittelkürzungen und zunehmender Angriffe auf Menschenrechte stünden evidenzbasierte und gemeinschaftsgetragene HIV-Programme weltweit immer stärker unter Druck.
Mehr als ein Rückschlag: Ein koordiniertes politisches Projekt
Für Cate Nyambura, Programmdirektorin des ATHENA Network, geht die aktuelle Situation weit über einen vorübergehenden Rückschlag hinaus. Die Organisator*innen der Anti-Rechte- und Anti-Gender-Bewegung seien außerordentlich gut vernetzt und koordinierten ihre Aktivitäten strategisch. In vielen Fällen wirkten sie effektiver und verfügten über deutlich mehr Ressourcen als menschenrechtsbasierte Bewegungen – unterstützt durch erhebliche finanzielle Mittel.
Anhand von Beispielen aus verschiedenen afrikanischen Ländern beschrieb Nyambura eine zunehmende Welle von Gesetzen gegen Menschenrechte, Angriffe auf sexuelle und reproduktive Gesundheitsdienste, Einschränkungen für zivilgesellschaftliche Organisationen sowie Bemühungen, ohnehin bereits marginalisierte Communities weiter zu kriminalisieren.
Dabei stellte sie auch die häufig verwendete Beschreibung dieser Entwicklungen als „Backlash“ infrage:
„Ich glaube nicht mehr, dass es sich um einen bloßen Rückschlag handelt. Es ist vielmehr ein langfristiger, koordinierter Angriff, der darauf abzielt, die Zivilgesellschaft zu schwächen, über Jahre aufgebaute Bewegungen zu untergraben und Communities sowie ihre Existenz auszulöschen.“
Nyambura machte deutlich, dass HIV sowie sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte oft nicht die eigentlichen Zielscheiben dieser Angriffe seien. Das übergeordnete Ziel bestehe vielmehr darin, demokratische Institutionen, Menschenrechtsschutz und community-basierte Selbstorganisation zu schwächen.
„HIV und SRGR sind letztlich Kollateralschäden. Das langfristige Ziel ist die Untergrabung von Demokratie, Menschenrechten und guter Regierungsführung.“
Gleichzeitig betonte sie, dass Communities diesen Entwicklungen weiterhin Widerstand entgegensetzen und nach wie vor in der HIV-Arbeit vorne stehen.
Warum Sichtbarkeit entscheidend ist
Amanita Calderón-Cifuentes, Referentin für HIV-Forschung und Interessenvertretung bei TGEU, konzentrierte sich auf die Folgen anti-genderpolitischer Entwicklungen für trans Communities in Europa und Zentralasien.
Sie schilderte, wie rechtliche Anerkennung, geschlechtsangleichende Gesundheitsversorgung und politische Sichtbarkeit zunehmend unter Druck geraten. In vielen Ländern würden trans Menschen aus politischen Entscheidungsprozessen, öffentlichen Dienstleistungen und sogar aus der offiziellen Datenerhebung ausgeschlossen.
Für Calderón-Cifuentes ist Unsichtbarkeit nicht nur ein symbolisches Problem – sie hat unmittelbare Folgen für Gesundheit und Überleben.
„Wenn man aufhört, Menschen zu zählen, hört man auf, sie zu sehen. Und wenn man aufhört, sie zu sehen, wird es sehr viel einfacher zu rechtfertigen, ihnen keine Unterstützung mehr anzubieten.“
Diese Sorge betrifft auch internationale politische Prozesse, einschließlich des bevorstehenden Hochrangigen Treffens der Vereinten Nationen zu HIV/AIDS. Wenn Schlüsselgruppen aus politischen Erklärungen verschwinden, verschwinden sie häufig auch aus Indikatoren, Rechenschaftsmechanismen, Budgets und Dienstleistungen.
„Sprache ist niemals nur Sprache. Wenn Communities in einer Erklärung nicht ausdrücklich erwähnt werden, tauchen sie auch nicht in den Indikatoren auf. Dadurch verschwinden sie aus Rechenschaftsmechanismen und schließlich aus Programmen und Dienstleistungen.“
Deutschlands faschistische Vergangenheit erinnert eindringlich daran, wie demokratische Gesellschaften schrittweise in Repression abrutschen können. Der Prozess beginnt häufig mit der Unterdrückung von Ideen, Büchern und freier Meinungsäußerung; später kann er zur Verfolgung und zum Verschwindenlassen von Menschen führen. Er beginnt mit der Entmenschlichung und Ausgrenzung einzelner Personen und ganzer Bevölkerungsgruppen. Umso besorgniserregender ist es, ähnliche Entwicklungen heute in vielen Ländern zu beobachten.
Ihr Fazit war eindeutig: „Menschen können weder gesund noch sicher leben oder ihr Potenzial entfalten, wenn sie unsichtbar gemacht werden.“
Jenseits von Stereotypen: Die Rolle von Glaubensgemeinschaften
Diskussionen über Geschlecht und Sexualität konzentrieren sich häufig auf die Rolle von Religion. Gracia Violeta Ross vom Ökumenischen Rat der Kirchen brachte eine differenziertere Perspektive ein.
Zwar räumte sie ein, dass Religion häufig instrumentalisiert werde, um Diskriminierung und Ausgrenzung zu rechtfertigen. Gleichzeitig betonte sie jedoch, dass Glaubensgemeinschaften keineswegs homogen seien. Viele Kirchen und religiöse Organisationen engagierten sich aktiv für Menschenrechte, unterstützten HIV-Programme und stünden solidarisch an der Seite marginalisierter Communities.
Wie Ross hervorhob: „Gott sei Dank lassen nicht alle Menschen zu, dass ihr Glaube für politische Zwecke instrumentalisiert und zur Rechtfertigung von Gewalt missbraucht wird.“
Ross erläuterte, wie der Ökumenische Rat der Kirchen den Dialog zwischen religiösen Führungspersönlichkeiten und betroffenen Communities fördert und Räume schafft, in denen Vorurteile hinterfragt und gegenseitiges Verständnis aufgebaut werden können.
„Christlich zu sein bedeutet, radikal inklusiv zu sein und an der Seite verletzlicher Communities zu stehen.“
In einer Zeit, in der HIV-Programme mit drastischen Mittelkürzungen und wachsender politischer Feindseligkeit konfrontiert sind, hätten religiöse Führungspersonen die Verantwortung, sich für Würde, Gerechtigkeit und Inklusion einzusetzen.
Communities bleiben die treibende Kraft
Trotz der zahlreichen Herausforderungen, die während der Veranstaltung diskutiert wurden, war die Diskussion nicht von Resignation geprägt. Ein wiederkehrendes Thema war die Widerstandskraft der Communities und die Lehren, die die HIV-Bewegung der Welt in den vergangenen vier Jahrzehnten vermittelt hat.
Calderón-Cifuentes erinnerte daran, dass die HIV-Bewegung zu einer der erfolgreichsten öffentlichen Gesundheitsbewegungen der Geschichte wurde – nicht, weil Regierungen zuerst gehandelt hätten, sondern weil betroffene Communities Veränderungen eingefordert hätten.
„Ich wünsche mir, dass Regierungen und multilaterale Organisationen sich daran erinnern, warum die HIV-Bekämpfung zu einer der erfolgreichsten globalen Gesundheitsbewegungen der Geschichte geworden ist. Nicht wegen ihnen. Nicht wegen der Regierungen. Sondern wegen der Communities und weil wir darauf bestanden haben, gesehen zu werden.“
Cate Nyambura griff diese Botschaft auf und unterstrich die Widerstandsfähigkeit gemeinschaftlicher Bewegungen trotz zunehmenden politischen Drucks:
„Communities sind weiterhin stark und werden trotz aller Angriffe stark bleiben.“
Ausblick auf das Hochrangige Treffen der Vereinten Nationen zu HIV/AIDS
Mit Blick auf die Vorbereitungen für das bevorstehende Hochrangige Treffen der Vereinten Nationen zu HIV/AIDS betonten alle Rednerinnen die Notwendigkeit, menschenrechtsbasierte Sprache zu verteidigen, die Führungsrolle von Communities zu schützen, nachhaltige Finanzierung sicherzustellen und dafür zu sorgen, dass Schlüsselgruppen in politischen Verpflichtungen sichtbar bleiben.
Die Diskussion machte deutlich, dass es bei den aktuellen Debatten nicht in erster Linie um Terminologie geht. Es geht darum, wessen Leben anerkannt wird, wessen Stimmen gehört werden und wessen Rechte geschützt werden.
Wie Amanita Calderón-Cifuentes abschließend feststellte:
„Wenn Communities führen, verbessern sich die gesundheitlichen Ergebnisse. Wenn Communities ausgeschlossen werden, sterben Menschen.“
Die Diskussion machte letztlich deutlich, dass die Zukunft der HIV-Bekämpfung davon abhängen wird, ob Communities sichtbar bleiben, geschützt werden und maßgeblich an den Entscheidungen beteiligt sind, die ihr Leben betreffen.
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Die vollständige Aufzeichnung des Fireside Chats „Gender Under Pressure“ können Sie hier ansehen (ENGLISCH): https://www.aids-kampagne.de/aktuelles/2...
Juni 2026
Bündnisbüro Aktionsbündnis gegen AIDS
