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Ein kritischer Moment für die globale HIV-Arbeit

UNAIDS Global AIDS-Brief 2026 veröffentlicht

grafik KI generiert - united to end aids

Im Vorfeld des Hochrangigen Treffens der Vereinten Nationen zu HIV/Aids (UNHLM) veröffentlichte UNAIDS am 12. Juni 2026 einen Überblick über die weltweite HIV-Epidemie Ende 2025 und den Fortschritt bei den vereinbarten Zielen auf globaler und regionaler Ebene. Der vorliegende Beitrag fasst auf der Basis der UNAIDS Pressemitteilung die wesentlichen Punkte des unter dem Titel „UNITED TO END AIDS“ veröffentlichten Global AIDS-Briefs zusammen. Der Bericht markiert einen Wendepunkt der globalen HIV-Arbeit, an dem sich entscheiden wird, ob die erzielten Erfolge rückgängig gemacht oder fortgesetzt werden: Wie es weitergeht, hängt von politischen Entscheidungen ab und davon, ob diese getroffen und umgesetzt werden oder nicht. Vom 22.-23.06. wird in New York das UNHLM zu HIV stattfinden. Die dort verabschiedete Erklärung wird zeigen, in welche Richtung sich die globale HIV-Arbeit bewegen wird.

Der Bericht enthält vorläufige Daten zu Neuinfektionen, Aids-bedingten Todesfällen, der Zahl der Menschen mit HIV sowie zu Fortschritten bei Behandlung und Prävention der Mutter-Kind-Übertragung. Zudem beleuchtet er die Auswirkungen der Kürzungen von HIV-Programmen durch die US-Regierung unter Trump und andere Geber auf HIV-Prävention und community-basierte Angebote, anhaltende gesellschaftliche Barrieren, die Integration von HIV-Diensten in Gesundheitssysteme sowie den Zugang zu innovativen Präventions- und Behandlungsmöglichkeiten. In dem Bericht werden zudem die Veränderungen in der internationalen Entwicklungsfinanzierung und die Perspektiven zur Schließung der Finanzierungslücke bis 2030 analysiert. Die Welt ist dem Ziel, Aids als Bedrohung der globalen Gesundheit zu beenden, nahegekommen. Aber eben nur nahe: die Fortschritte drohen nun rückgängig gemacht zu werden. Ob Aids besiegt wird, ist eine politische Entscheidung. Die Ergebnisse des UNHLM zu HIV werden zeigen ob dazu die richtigen Weichen gestellt werden.

23% weniger Ausgaben für die globale Entwicklungszusammenarbeit 2025

Laut UNAIDS gefährden Kürzungen internationaler Hilfsgelder, zunehmende Einschränkungen von Menschenrechten sowie die unzureichende Finanzierung von Präventions- und Community-Angeboten die (Fortschritte der) globalen HIV-Arbeit. Die in den vergangenen Jahrzehnten erzielten Fortschritte drohen rückgängig gemacht zu werden.

Globale Entwicklungen zwischen 2024 und 2025

Die globale Entwicklungszusammenarbeit ging 2025 um 23 % zurück, der stärkste jemals verzeichnete Rückgang. HIV-Programme in einkommensschwachen Ländern, die stark von externer Finanzierung abhängig sind, wurden besonders hart getroffen. Zwischen 2024 und 2025 sank die Zahl der HIV-Tests in Ländern mit hoher HIV-Belastung um 22 %. Gleichzeitig wurden Mittel für Kondome in einigen Fällen um mehr als 90 % gekürzt. Die Nutzung der HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP) ging in 62 berichtenden Ländern um 38 % zurück.

Besonders problematisch ist dies, weil Präventionsmaßnahmen bereits 2024 nur 11 % der weltweiten HIV-Ausgaben ausmachten. Trotz neuer, hochwirksamer Präventionsmethoden, bspw. durch Lenacapavir fehlen bislang ausreichende Investitionen.

Globale Entwicklungen 2024 und 2025

Seit 2010 gemachte Fortschritte sind bedroht:

Trotz dieser Herausforderungen bleibt die HIV-Bekämpfung eine der größten Erfolgsgeschichten der globalen Gesundheitspolitik. Seit 2010 gingen AIDS-bedingte Todesfälle um 56 % auf 570.000 zurück. Die Zahl der Neuinfektionen sank im gleichen Zeitraum um 43 % auf 1,2 Millionen. Von den weltweit 40,9 Millionen Menschen mit HIV erhalten inzwischen 32,1 Millionen (78 %) eine antiretrovirale Therapie.

Dies ist sicherlich eine Erfolgsgeschichte globaler Solidarität, dennoch erhalten fast neun Millionen Menschen weiterhin keine Behandlung. In Regionen wie West- und Zentralafrika, wo HIV-Behandlungsprogramme aufgrund von Armut und hoher Schuldenlast zu rund 90 % von externer Finanzierung abhängen, drohen bei ausbleibender Unterstützung Versorgungsunterbrechungen mit steigenden Infektions- und Todeszahlen.

Seit 2010 gemachte Fortschritte sind bedroht

Ungleichheiten und gesellschaftliche Barrieren

Die Fortschritte sind regional sehr unterschiedlich. Während einige Regionen deutliche Verbesserungen verzeichnen, steigen die Neuinfektionen in Osteuropa und Zentralasien, im Nahen Osten und Nordafrika sowie in Lateinamerika weiter an. Besonders alarmierend ist die Situation junger Frauen und Mädchen in Subsahara-Afrika: Jede Woche infizieren sich dort rund 3.000 Jugendliche und junge Frauen mit HIV.

Communitybasierte Organisationen vor existentiellen Herausforderungen

Communitybasierte Organisationen spielen eine zentrale Rolle bei Prävention, Behandlung und Unterstützung. Dennoch stehen viele dieser Organisationen aufgrund drastischer Mittelkürzungen vor existenziellen Herausforderungen. Eine Studie unter 79 community-geführten Organisationen in 47 Ländern zeigte einen Rückgang der Unterstützungsangebote für Menschen mit HIV um 50 %, für Sexarbeiter*innen um 82 % und für Männer, die Sex mit Männern haben, um 85 %. Auch Angebote für Betroffene geschlechtsspezifischer Gewalt wurden deutlich reduziert.

Communitybasierter Organisationen vor existentiellen Herausforderungen

Rückschritte vor allem auch bei Menschenrechten

UNAIDS warnt zudem vor einer zunehmenden Kriminalisierung marginalisierter Bevölkerungsgruppen. Erstmals seit Beginn der Datenerhebung nimmt die Zahl entsprechender Gesetze wieder zu:

„Die Kriminalisierung von Bevölkerungsgruppen mit erhöhtem HIV-Risiko ist global weit verbreitet. Sexarbeit ist in 168 Ländern kriminalisiert, der Besitz geringer Mengen von Drogen in 152 Ländern, gleichgeschlechtliche sexuelle Beziehungen in 66 Ländern und transgeschlechtliche Menschen beziehungsweise ihre Identität in 14 Ländern.

Die Nichtoffenlegung einer HIV-Infektion, eine mögliche HIV-Exposition oder die HIV-Übertragung sind in 156 Ländern strafbar oder werden auf Grundlage allgemeiner Strafgesetze verfolgt – obwohl es nur begrenzte wissenschaftliche Belege dafür gibt, dass solche Gesetze zur Verringerung von HIV-Übertragungen beitragen“ (Global AIDS Brief, S. 20) heißt es in dem Bericht.

Diskriminierung und Kriminalisierung erschweren den Zugang zu Tests, Prävention und Behandlung erheblich und tragen damit zur weiteren Ausbreitung von HIV bei.

Chancen für die Zukunft?

Gleichzeitig sieht UNAIDS positive Entwicklungen. Der Anteil nationaler Finanzierungsquellen an der HIV-Bekämpfung stieg von 28 % im Jahr 2010 auf 52 % im Jahr 2024. Seit Anfang 2025 haben mehr als 54 Länder zusätzliche nationale Finanzierungszusagen angekündigt. Das sind sicherlich positive Entwicklungen, beachtet muss hier jedoch, dass die erdrückende Schuldenlast in einigen Ländern des globalen Südens eine Erhöhung der Ausgaben für Gesundheit kaum zulassen: ohne Entschuldungsprogramme sind weiterführende positive Entwicklungen gefährdet.   

Auch die Integration von HIV-Diensten in allgemeine Gesundheitssysteme schreitet voran: Ein Viertel der 152 berichtenden Länder hat HIV bereits in umfassendere Gesundheitsstrategien eingebunden. In über 80 Ländern wurden beispielsweise Leistungen zur Prävention und Behandlung von Gebärmutterhalskrebs in nationale HIV-Leitlinien aufgenommen.

Innovationen bieten weiteres Potenzial. Bis Ende März 2026 nutzten bereits mehr als 6.000 Menschen in fünf Ländern Subsahara-Afrikas das langwirksame Präventionsmedikament Lenacapavir. Gleichzeitig schätzt UNAIDS, dass rund 20 Millionen Menschen weltweit Zugang zu antiretroviralen Präventionsmedikamenten benötigen.

Blick auf das UN-Hochrangige Treffen

Beim UN-Hochrangigen Treffen zu HIV/AIDS am 22.–23. Juni 2026 sollen die Mitgliedstaaten eine neue Politische Erklärung verabschieden. Diese wird die letzte vor dem Zieljahr 2030 sein, in dem AIDS als Bedrohung für die öffentliche Gesundheit beendet werden soll.

Zu den zentralen Zielen bis 2030 gehören:

  • 40 Millionen Menschen mit antiretroviraler Behandlung zu erreichen,
  • 20 Millionen Menschen Zugang zu HIV-Präventionsmedikamenten zu ermöglichen,
  • einen diskriminierungsfreien Zugang zu HIV-bezogenen Gesundheitsdiensten sicherzustellen.

Trotz der erheblichen Rückschläge bleiben nach Einschätzung von UNAIDS diese Ziele erreichbar. Die Umsetzung der Globalen AIDS-Strategie könnte bis 2030 weitere 3,2 Millionen HIV-Neuinfektionen verhindern. Voraussetzung seien dazu jedoch ausreichende Investitionen, politischer Wille und die enge Zusammenarbeit von Staaten, internationalen Partnern und betroffenen Communities.

Der Wunsch ist hier hoffentlich nicht Vater des Gedankens.

Quellen:

Bilder/visuals: KI generiert

Peter Wiessner, Juni 2026

wiessner@aktionsbuendnis-aids.de 

, 2026