Heute ist Welt-Tuberkulose-Tag
Tuberkulose wirksam angehen, niemand darf übersehen werden

Tuberkulose (TB) ist weltweit die Haupttodesursache für Menschen mit HIV mit einer TB Co-Infektion. Anlässlich des Welt-Tuberkulose-Tags übersetzen wir hier eine Beitrag der Unitaid Community Delegation mit drei Interviews mit TB Aktivist*innen zur Frage was Inklusion der TB-Arbeit bedeutet bzw. bedeuten würde.
Carol Nawina Nyirenda, Allan Maleche, Dr. Cherise Scott
Tuberkulose (TB) diskriminiert nicht. Doch die globale Reaktion darauf hat es lange Zeit getan und dabei einige der verletzlichsten und am schwersten erreichbaren Bevölkerungsgruppen systematisch vernachlässigt.
Diese Lücke spiegelt ein strukturelles Versagen in der globalen Gesundheitsforschung und -entwicklung (F&E) wider. Klinische Studien werden nicht mit Blick auf alle Bevölkerungsgruppen konzipiert, und die Instrumente, Dienstleistungen und Leitlinien, die benötigt werden, um alle anderen zu erreichen, kommen oft erst Jahre später, wenn überhaupt. Die Hindernisse gehen jedoch über die F&E hinaus: Stigmatisierung hält Menschen davon ab, medizinische Hilfe zu suchen, Gesundheitssysteme sind oft nicht darauf ausgelegt, abgelegene oder marginalisierte Gemeinschaften zu erreichen, und TB-Dienste berücksichtigen häufig nicht die Lebensrealitäten der Menschen.
Wir haben drei Personen aus der TB-Bekämpfung gebeten, darüber nachzudenken, was Inklusion wirklich bedeutet und was nötig ist, um eine inklusive TB-Versorgung Wirklichkeit werden zu lassen.
Welche von TB betroffenen Bevölkerungsgruppen werden weiterhin übersehen und warum ist ihre Einbeziehung wichtig?
Carol: In den letzten Jahren gab es echte Fortschritte bei der Versorgung von Menschen mit HIV und Kindern mit auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Tests und Behandlungen. Doch einige Bevölkerungsgruppen bleiben unsichtbar. In Sambia und den Nachbarländern gehören dazu Bergleute und ehemalige Bergleute, ihre Körper tragen die Schäden der Silikose, die sie deutlich anfälliger für TB macht. Viele arbeiten in südafrikanischen Minen, kehren aber ohne Nachsorge nach Hause zurück und bringen die Krankheit unwissentlich in ihre Familien und Gemeinschaften. Allzu oft erreichen TB-Dienste Menschen in abgelegenen Regionen schlicht nicht. Wenn diese Gruppen außen vor bleiben, verbreitet sich TB unentdeckt weiter, über Grenzen hinweg, in Familien und Gemeinschaften. Keine TB-Strategie kann erfolgreich sein, wenn sie die am stärksten vernachlässigten Gemeinschaften nicht erreicht.
Welche Barrieren verhindern den Zugang zur TB-Versorgung für alle Betroffenen?
Allan: TB ist nicht nur ein medizinisches Problem, es ist auch eine soziale Notlage. Die Hindernisse sind sowohl systemischer als auch sozialer Natur. Stigmatisierung und Diskriminierung halten Menschen davon ab, Hilfe zu suchen. Obwohl Stigma und Übertragung auf Gemeindeebene stattfinden, sind die Investitionen zur Bekämpfung von Stigma in den Gemeinschaften bislang unzureichend. Gesundheitssysteme sind oft zentralisiert und nicht darauf ausgelegt, die Menschen dort zu erreichen, wo sie leben; viele moderne Diagnostikverfahren sind auf lokaler Ebene nicht verfügbar.
Bei arzneimittelresistenter TB schreckt zudem der lange und komplexe Behandlungsverlauf viele von der Therapieadhärenz ab. Zwar verbessern kürzere Behandlungsregime die Situation, doch entstehen neue Herausforderungen, etwa mangelnde Erfahrungsberichte von Betroffenen, was das Vertrauen einschränkt. Das Projekt Combat DR-TB versucht diese Lücke zu schließen, indem es Behandlungserfolge dokumentiert und teilt.
Carol: Ich würde mit Information beginnen, oder vielmehr mit ihrem Mangel. Viele Menschen wissen schlicht nicht, dass ihre Symptome auf TB hinweisen könnten. Sie gehen in die Apotheke, kaufen etwas gegen Husten und Wochen vergehen. Und wenn es Informationen gibt, sind sie oft so stark medizinisch formuliert, dass sie für viele Menschen nicht verständlich oder handlungsleitend sind.
Hinzu kommt Stigma auf mehreren Ebenen. Es gibt die Selbststigmatisierung: Scham und Angst, die einen davon abhalten, es überhaupt wissen zu wollen. Und es gibt das Stigma in der Gemeinschaft, wenn Menschen anders behandelt werden, sobald bekannt wird, dass sie TB haben. Beides hält Menschen davon ab, Hilfe zu suchen. Selbst wenn jemand eine Gesundheitseinrichtung aufsucht, enden die Hürden nicht dort: Die Einrichtung kann weit entfernt sein, Testergebnisse dauern Tage, oder Ärztinnen und Ärzte sind nicht verfügbar. Viele kehren nicht zurück, um Ergebnisse abzuholen oder Termine wahrzunehmen, weil sie sich Transport nicht leisten können, keinen weiteren Arbeitstag verpassen dürfen oder niemanden für die Kinderbetreuung finden. Die Kosten sind oft ein entscheidender Faktor, der Menschen schon im Vorfeld von der Inanspruchnahme abhält.
Wie kann Innovation dazu beitragen, Menschen mit den größten Zugangshürden zu erreichen?
Cherise: Innovationen sind entscheidend, um mehr Menschen mit TB-Versorgung zu erreichen – aber sie allein reichen nicht aus. Um TB zu beenden, müssen wir die strukturellen Barrieren angehen, die die verletzlichsten Gruppen daran hindern, überhaupt von diesen Innovationen zu profitieren. Oft konzentriert sich die Diskussion über Innovation auf neue Produkte. Doch Innovation betrifft auch Ansätze: wie wir vorhandene Instrumente nutzen und wie wir sie zu den Menschen bringen, die sie am dringendsten benötigen. Wenn Dienstleistungen auf die am häufigsten übersehenen Gruppen zugeschnitten werden, etwa Kinder, Menschen in informellen Siedlungen, Gefängnissen, Bergbauregionen oder auf der Flucht – und gemeindenahe sowie dezentrale Ansätze gestärkt werden, kann dies den Verlauf der Epidemie verändern und zugleich Gesundheitssysteme stärken.
Allan: Innovation spielt eine zentrale Rolle beim Abbau struktureller und zugangsbezogener Barrieren. Dazu gehören nicht nur neue Technologien, sondern auch die Art und Weise, wie Dienstleistungen gestaltet und erbracht werden. Ein Beispiel ist die Ausweitung von patientennaher Diagnostik (nPOC), die Diagnoseverzögerungen deutlich reduzieren und den Zugang insbesondere in abgelegenen Regionen verbessern kann. Ebenso wichtig ist es, Barrieren im Bereich geistigen Eigentums zu überwinden, damit Innovationen bezahlbar und zugänglich werden. Innovationen in der Leistungserbringung, die Stärkung gemeindenaher Gesundheitssysteme und Ansätze wie aktive Fallfindung oder dezentrale Screening-Angebote bringen Versorgung näher zu den Bedürftigsten. Eine patientenzentrierte Versorgung mit psychosozialer Unterstützung und angepassten Behandlungsmodellen verbessert langfristig Therapieadhärenz und Behandlungsergebnisse.
Welche Rolle spielt Unitaid für eine inklusivere TB-Bekämpfung?
Cherise: In all unseren TB-Investitionen steht Inklusion im Mittelpunkt, sei es durch die Entwicklung geeigneter Medikamente für Kinder, Alternativen zu Standardbehandlungen oder den Ausbau von Diagnostik auf Primär- und Gemeindeebene. Zu identifizieren, wer ausgeschlossen wird, und Wege zu finden, diesen Menschen Zugang zur Versorgung zu ermöglichen, zieht sich durch alle unsere Prioritäten. Als weltweit größter multilateraler Förderer von TB-Forschung und -Entwicklung arbeitet Unitaid seit 20 Jahren daran, Instrumente, Evidenz und Systeme auf diejenigen auszurichten, die am häufigsten übersehen werden: Kinder, Menschen mit HIV, schwangere Frauen, Menschen in abgelegenen oder benachteiligten Regionen, Inhaftierte und andere Gruppen, für die Standardansätze nicht greifen. Dazu gehören Investitionen in kindgerechte Medikamente, kürzere und zugänglichere Präventions- und Behandlungsoptionen sowie Versorgungsansätze, die Stigma abbauen und den Zugang verbessern.
Doch Instrumente allein reichen nicht aus. Damit die TB-Bekämpfung wirklich alle erreicht, muss Inklusion von Anfang an mitgedacht werden – in der Forschung, in der Gestaltung von Dienstleistungen und in politischen Entscheidungen. Diese Arbeit setzen wir fort, und sie ist angesichts globaler Finanzierungsengpässe wichtiger denn je. Denn die Gefahr besteht, dass Inklusion als Erstes zurückgestellt wird. Dem wirken wir aktiv entgegen, indem wir kosteneffiziente Lösungen entwickeln, die es Regierungen ermöglichen, Versorgungslücken zu schließen und mehr Menschen zu erreichen.
Quelle: https://unitaidcommunitiesdelegation.org...
Photo caption: Unitaid’s work on pediatric formulations has helped ensure children have access to TB medicines that are safe and effective. Photo credit: Unitaid


