HIV kennt keine Pause, unsere Solidarität darf es auch nicht
Wo wir in der HIV/Aids-Arbeit stehen und wie Kürzungen weltweit Leben kosten

Dieser Beitrag ist Teil der Blogreihe zur 8. Wiederauffüllungskonferenz des Globalen Fonds. Seit dem 20. August 2025 veröffentlichen zivilgesellschaftliche Organisationen wöchentlich Beiträge zu globaler Gesundheitsfinanzierung, Chancengleichheit und der Rolle des Globalen Fonds.
Anlässlich des Welt-Aids-Tages am 1. Dezember 2025
Der Welt-Aids-Tag 2025 steht unter dem Motto „Gemeinsam. Gerade jetzt.“ ein Satz, der präziser kaum ausdrücken könnte, wo die Welt im Kampf gegen HIV/Aids steht. Viel wurde erreicht, doch der Fortschritt ist fragil. 2025 zeigt, wie schnell Erfolge kippen können: Die US-Regierung hat die Entwicklungsagentur USAID aufgelöst und fast alle internationalen HIV-Programme gestoppt. Deutschland kürzt seinen Beitrag zum Globalen Fonds um fast ein Viertel. Und im Rahmen des UN80-Prozesses droht die Abwicklung von UNAIDS, der zentralen Koordinationsstelle der weltweiten HIV-Bekämpfung. Politische Entscheidungen, die deutlich machen: Wir werden nach wie vor gebraucht!
Die Welt hätte eigentlich allen Grund zur Hoffnung: Seit 2010 sind die Neuinfektionen um 40 %, die Aids-Todesfälle um mehr als die Hälfte gesunken. Noch nie standen so wirksame Medikamente und Präventionsmethoden zur Verfügung, doch der Fortschritt bricht dort ein, wo Solidarität endet.
Der Rückzug der USA
Mit dem 90-tägigen “Funding Freeze” Anfang des Jahres wurden fast alle über die US-Regierung finanzierten Programme abrupt gestoppt, darunter das Program PEPFAR, das mit vielen anderen Programmen kooperiert und dadurch rund 70 % der weltweiten HIV-Arbeit betrifft . Folgen: unterbrochene Lieferketten, entlassene Community-Health-Worker, geschlossene Drop-in-Zentren und gefährdete Medikamentenversorgung. Länder wie Malawi, Simbabwe und Ghana melden Engpässe; in den Philippinen stehen Programme für junge Männer und trans Communities vor dem Aus. UNAIDS rechnet mit 6,6 Millionen zusätzlichen Neuinfektionen und 4,2 Millionen Todesfällen bis 2029, wenn Lücken nicht geschlossen werden.
Deutschland und der Globale Fonds: Solidarität braucht mehr als Symbolik
Auch Europa sendet in diesem Moment die falschen Signale. Deutschland hat für die neue Finanzierungsperiode des Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria (2026–2028) eine Milliarde Euro zugesagt, rund 23 Prozent weniger als in der laufenden Periode. Die achte Wiederauffüllungskonferenz am 21. November hat deutlich gemacht, wie problematisch diese Ausgangslage ist: International wurden lediglich 11,34 Milliarden US-Dollar mobilisiert, deutlich weniger als die 15,7 Milliarden der letzten Runde und weit unter den 18 Milliarden US-Dollar, die laut Investment Case notwendig wären. Zwar bleibt die US-Zusage von 4,6 Milliarden US-Dollar ein unverzichtbarer Anker, doch es stehen noch wesentliche Zusagen, etwa von Frankreich, Japan und der Europäischen Kommission, weiterhin aus. Gerade die EU ist jetzt gefordert, ihrer Verantwortung für globale Gesundheit gerecht zu werden und mit einer substanziellen Zusage zumindest zu einer spürbaren Verringerung der Finanzierungslücke beizutragen.
Der Fonds ist global das wichtigste multilaterale Finanzierungsinstrument im Kampf gegen Aids, Tuberkulose und Malaria. Seit seiner Gründung 2002 hat er über 70 Millionen Leben gerettet, Gesundheitssysteme in mehr als 100 Ländern gestärkt und sich zu einem der effizientesten Mechanismen der globalen Gesundheit entwickelt. Jeder investierte Euro rettet Leben, stärkt Strukturen und schafft sozialen wie wirtschaftlichen Mehrwert.
Gemessen an seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit müsste Deutschland mindestens 1,8 Milliarden Euro beitragen, um seinen fairen Anteil zu leisten. Ein Beitrag unterhalb von 1,4 Milliarden Euro gefährdet laufende Programme, erst recht vor dem Hintergrund einer globalen Wiederauffüllung, die lediglich 63 Prozent des errechneten Mindestbedarfs erreicht. Deutschland versteht sich als „Global Health Champion“, als verlässlicher und gestaltender Partner in der internationalen Gesundheitsarchitektur. Jetzt gilt es, dieser Rolle gerecht zu werden. Ein Aufstocken des Beitrags wäre nicht nur eine Frage der Verantwortung, sondern auch ein klares Signal: für Verlässlichkeit, Gerechtigkeit und globale Solidarität.
Sunsetting UNAIDS
Zeitgleich steht UNAIDS, die Koordinationsstelle der Vereinten Nationen für die weltweite HIV-Arbeit, im Rahmen des UN80-Reformprozesses zur Disposition. Vorgeschlagen ist, das Programm bis 2026 zu beenden und verbliebenen Aufgaben auf andere UN-Institutionen zu verteilen. Was als Effizienzreform etikettiert wird, wäre in der Sache ein Rückzug aus Verantwortung, mit fatalen Folgen für Menschenrechte, Evidenz und die Stimmen der betroffenen Communities. UNAIDS wurde gegründet, um Strukturen zu bündeln und Doppelstrukturen der HIV-Arbeit anderer UN-Institutionen zu vermeiden: die jetzt vorgeschlagene “Rolle rückwärts” schlägt nun genau das vor, was ursprünglich vermieden werden sollte.
Seit 1996 erfüllt UNAIDS eine Rolle, die keine andere UN-Institution abdeckt: Sie bündelt verlässlich Daten über regionale Epidemien, entwickelt globale Strategien, verankert menschenrechtsbasierte Ansätze und sichert die systematische Beteiligung von Menschen mit HIV und besonders vulnerablen Gruppen, sichtbar etwa im UNAIDS Programme Coordinating Board (PCB), in dem Community-Vertreter*innen nicht nur anwesend, sondern gehört sind. Genau dieses Governance-Modell ist einzigartig.
Die Abschaffung von UNAIDS träfe zuerst jene, die am meisten Risiko tragen: schwule und andere Männer, die Sex mit Männern haben, Sexarbeiter*innen, Menschen, die Drogen injizieren, trans Personen sowie junge Frauen und Mädchen. Ohne die institutionell gesicherte Community-Beteiligung würden ihre Perspektiven verschwinden; ohne den menschenrechtlichen Kompass würden evidenzbasierte, zielgruppenspezifische Programme geschwächt, besonders dort, wo Kriminalisierung und Stigma den Zugang zu Prävention, Testung und Behandlung ohnehin behindern.Ein „Sunsetting“ würde die Grundlage für wirksame HIV-Politik untergraben und das international bekräftigte Ziel, Aids bis 2030 als Bedrohung der öffentlichen Gesundheit zu beenden, in weite Ferne rücken.
Andere UN-Institutionen sollten sich an dem Governance Modell ein Beispiel nehmen. Eine Reform, die diesen Namen verdient, sollte genau hier ansetzen und wird nun aber abgeschafft: “shrinking spaces” (zurückgehende Möglichkeiten für zivilgesellschaftliches Engagement) sind nicht nur in totalitären Regimen, sondern ist auch auf allerhöchster Ebene der Vereinten Nationen mehr und mehr die Realität!
Wo die Welt steht
Ende 2024 lebten weltweit rund 41 Millionen Menschen mit HIV. 1,3 Millionen infizierten sich neu, 630 000 starben an den Folgen von Aids. Die Zahl der Todesfälle ist zwar seit 2004 um 70 Prozent gesunken, doch noch immer stirbt jede Minute ein Mensch an HIV-bedingten Ursachen. Der Fortschritt bleibt ungleich verteilt. In Ost- und Südafrika konnten Neuinfektionen stark gesenkt werden, während sie in Osteuropa, Zentralasien und Teilen Asiens wieder steigen. Besonders betroffen sind Schlüsselpopulationen. Wie eine aktuelle UNAIDS-Analyse zeigt, bilden soziale Ungleichheit und gesundheitliche Krisen einen Kreislauf: Ungleichheit macht Gesellschaften anfälliger für Pandemien und Pandemien verschärfen Ungleichheit. Der Kampf gegen HIV entscheidet sich daher nicht allein in Laboren oder Kliniken, sondern in Fragen von Gerechtigkeit, Teilhabe und Solidarität.
Was jetzt zählt
Die drei Entwicklungen dieses Jahres, der Rückzug der USA, die deutschen Kürzungen und der drohende Abbau von UNAIDS, markieren eine gefährliche Wende. Sie sind Ausdruck eines Rückzugs aus globaler Solidarität. Dabei wäre gerade jetzt das Gegenteil nötig: entschlossene Investitionen, der Schutz von Menschenrechten und eine Stärkung der multilateralen Strukturen, die den Erfolg im Kampf gegen HIV erst möglich gemacht haben.
HIV kennt keine Pause und unsere Solidarität darf es auch nicht. Der Kampf gegen Aids ist nicht verloren, aber er steht auf der Kippe. Noch können Staaten die Weichen neu stellen, für eine Zukunft, in der Solidarität stärker ist als politische Kurzsichtigkeit.
Johanna Fipp und Peter Wiessner
Aktionsbündnis gegen AIDS



