Die Diagnose der globalen Gesundheit: Eine wachsende Finanzierungslücke

Dieser Beitrag ist Teil der Blogreihe zur 8. Wiederauffüllungskonferenz des Globalen Fonds. Seit dem 20. August 2025 veröffentlichen zivilgesellschaftliche Organisationen wöchentlich Beiträge zu globaler Gesundheitsfinanzierung, Chancengleichheit und der Rolle des Globalen Fonds.
Blog-Beitrag von Hannah Kickert, ONE
In den vergangenen Jahren hat sich ein bedrohlicher Trend manifestiert: Die Mittel, die für globale Gesundheitsfinanzierung bereitgestellt werden, schwinden – gerade in einer Zeit, in der der Bedarf steigt. Pandemien, Klimafolgen und Konflikte treffen auf Gesundheitssysteme, die schon jetzt überlastet sind. In vielen Ländern fehlt das Geld für Personal, Medikamente und Prävention, mit Folgen, die weit über nationale Grenzen hinausreichen. Denn wer heute an Gesundheit spart, riskiert morgen nicht nur humanitäre Katastrophen, sondern auch wirtschaftliche und sicherheitspolitische Krisen.
Ein Teufelskreis aus Schulden und Sparzwang
Ein doppelter Engpass verschärft die Lage: Während die internationalen Mittel für Gesundheit sinken, geraten auch nationale Gesundheitsbudgets unter Druck – vielerorts aufgezehrt von wachsender Schuldenlast und steigenden Zins- und Tilgungszahlungen, die kaum noch Raum für Investitionen in Kliniken oder Impfprogramme lassen. Laut einer Analyse der Organisation ONE geben 32 afrikanische Länder inzwischen mehr Geld für Schuldentilgung aus als für ihre Gesundheitsversorgung.
Gleichzeitig gerät auch die globale Gesundheitsfinanzierung selbst ins Wanken. Die öffentliche Entwicklungszusammenarbeit (ODA), lange das Rückgrat internationaler Gesundheitspolitik, befindet sich im freien Fall. Die OECD prognostiziert für 2025 einen Rückgang der ODA um 9 bis 17 Prozent gegenüber 2023. Große Geberländer kürzen ihre Beiträge, und die Lücke zwischen dem, was nötig wäre, und dem, was gezahlt wird, wächst mit jedem Jahr.
Diese Dynamik ist gefährlich. Sie untergräbt Fortschritte, die über Jahrzehnte aufgebaut wurden, und gefährdet die Fähigkeit vieler Länder, auf künftige Gesundheitskrisen zu reagieren. Denn was nach nüchterner Haushaltspolitik klingt, hat konkrete Folgen: In mehreren afrikanischen Ländern fehlen bereits Mittel für HIV-Behandlungen, Diagnostik oder Moskitonetze gegen Malaria. Kürzungen in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit, allem voran der Rückzug der USA, reißen tiefe Lücken, besonders dort, wo Gesundheitssysteme ohnehin fragil sind.
Auch Deutschland ist Teil des Bildes. Der Haushalt des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) sinkt von 11,22 Milliarden Euro im Jahr 2024 auf 10,3 Milliarden Euro 2025. Zum Vergleich: 2022 lag das Budget noch bei 13,8 Milliarden Euro. Für 2026 sind lediglich 9,9 Milliarden Euro vorgesehen – damit beträgt der Anteil am Bundeshaushalt nur noch 1,9 Prozent.
Der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria
Trotzdem hat Deutschland ein Zeichen der Verlässlichkeit gesetzt: Auf dem World Health Summit in Berlin kündigte Entwicklungsministerin Reem Alabali-Radovan eine neue Zusage von 1 Milliarde Euro für den Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria an, für die Finanzierungsperiode 2026–2028.
Damit sendet Deutschland ein wichtiges Signal, auch an andere Geberländer, die teilweise drastische Kürzungen in der Entwicklungszusammenarbeit vornehmen. Nun liegt der Ball beim Bundestag, dieser muss hier unbedingt nachlegen, damit Deutschland seinen fairen Beitrag leistet. Bei der letzten Finanzierungsrunde sagte Deutschland 1,3 Milliarden Euro zu und war damit viertgrößter Geber für den Globalen Fonds.
Seit seiner Gründung im Jahr 2002 hat der Globale Fonds 70 Millionen Menschenleben gerettet und die Sterblichkeitsraten durch HIV, Tuberkulose und Malaria um 63 Prozent gesenkt. Ein Teil der neuen deutschen Zusage,100 Millionen Euro, wird über sogenannte Schuldenumwandlungen bereitgestellt: Länder, deren Schulden erlassen werden, investieren die frei gewordenen Mittel in Gesundheitsprogramme. So entsteht ein Modell, das finanzielle Verantwortung und soziale Wirkung miteinander verbindet.
Neue Wege für die Gesundheitsfinanzierung
Die weltweite Finanzierungslücke lässt sich nicht allein durch Haushaltsmittel schließen. Wenn Zuschüsse schrumpfen und Schuldenberge wachsen, braucht es neue, innovative Ansätze.
Debt2Health / Debt-for-Health-Swaps: Gläubiger verzichten auf Rückzahlungen, wenn das Schuldnerland im Gegenzug in Gesundheitssysteme investiert. Der Globale Fonds unterstützt diese Transaktionen und hatte bislang 14 Operationen, bei denen rund 330 Millionen US-Dollar in Gesundheitsprogramme umgeleitet wurden.
Blended Finance: Mischfinanzierungen, bei denen öffentliche Gelder private Investoren mobilisieren und Hebelwirkung entfalten. Der Globale Fonds führt solche Modelle zunehmend ein.
Garantien und Vorabzusagen: Sie ermöglichen es Ländern, wichtige Investitionen früher zu tätigen, bevor Haushaltsmittel tatsächlich fließen.
Solche Instrumente können helfen, das System zu stützen – ersetzen aber keine verlässliche öffentliche Finanzierung. Für viele afrikanische Länder ist Debt2Health derzeit kein realistischer Weg: Ihre Schuldenlast ist so drückend, dass sie kaum noch in der Lage sind, Zins- oder Tilgungszahlungen zu leisten – die Voraussetzung für eine Umwandlung. Debt-Swaps greifen in der Regel bei Staaten mit mittlerem Einkommen, die weiterhin Zugang zu Kapitalmärkten haben. Für die ärmsten Länder dagegen braucht es direktere Formen der Entlastung und neue, verlässliche Finanzierungsquellen.
Ohne eine politische Kurskorrektur droht das Fundament der globalen Gesundheitsarchitektur zu erodieren. Denn Gesundheit ist keine Ausgabe, sie ist eine Investition – in Menschen, Märkte und Zukunft.
Was jetzt nötig ist, geht über Schadensbegrenzung hinaus: Regierungen müssen Prioritäten neu ordnen, internationale Finanzinstitutionen Schuldenerlasse und Reformen beschleunigen, und Geberländer ihre Zusagen einlösen – nicht nur aus Solidarität, sondern im eigenen Interesse. Denn stabile Gesundheitssysteme sind die beste Versicherung gegen die Krisen von morgen.
Wir müssen die Lücke schließen
Die Diagnose ist gestellt: Die Finanzierung globaler Gesundheit weist eine wachsende Lücke auf. Noch lässt sie sich schließen, bevor sie zu einer bleibenden Narbe wird.
Dazu braucht es mehr als gute Absichten: politische Entschlossenheit, internationale Kooperation und den Mut, Finanzarchitektur neu zu denken.
