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“Hyper-Priorisierung”: Aktive oder passive Sterbehilfe?

Blogreihe zum Replenishment© Aktionsbündnis gegen AIDS

Dieser Beitrag ist Teil der Blogreihe zur 8. Wiederauffüllungskonferenz des Globalen Fonds. Seit dem 20. August 2025 veröffentlichen zivilgesellschaftliche Organisationen wöchentlich Beiträge zu globaler Gesundheitsfinanzierung, Chancengleichheit und der Rolle des Globalen Fonds.

BLOG Beitrag von Johanna Fipp, Aktionsbündnis gegen AIDS

Es gibt Worte, die erhellen und es gibt Worte, die verschleiern, es gibt Worte die verletzen und es gibt Worte die töten, oder die verschleiern, dass getötet wird. Eines dieser Worte, das mehr verschleiert als erhellt, ist der Begriff von der “Priorisierung”, oder, wer es noch diabolischer mag, von der “Hyper Priorisierung”. Der Begriff hört sich wissenschaftlich-fundiert, “sauber” und positiv-markant an: endlich priorisiert mal einer! Hätte das nicht schon vor Jahren geschehen sollen!? Er verschleiert, die Verzweiflung, die die sich dahinter verbirgt: und das getötet wird. Man kann aktiv töten und man kann passiv töten, bspw. indem Lebensgrundlagen entzogen werden. Jemanden die HIV-Therapie zu entziehen, kann, als passive Form des Tötens interpretiert werden. Hinter dem harmlos klingenden Begriff verbergen sich also Entscheidungen und Verantwortliche, deren Folgen tödlich sind. Warum dies einen BLOG-Beitrag im Rahmen des 8. Replenishments wert ist, dürfte sich dadurch geklärt haben. Doch nun ein paar Worte, wie es zu dem Begriff kam, der derzeit so inflationär, in Bezug auf Kürzungen der WHO, UNAIDS, beim Globalen Fonds, aber auch bei anderen Institutionen, verwendet wird.

Wir wurden zu einem Triage-System des Überlebens gezwungen“, sagte UN-Nothilfekoordinator Tom Fletcher am 16. Juni 2025 in Genf, als er den „hyper-priorisierten“ humanitären Appell der Vereinten Nationen vorstellte. Mit 29 Mrd. US-Dollar sollen noch 114 Millionen Menschen mit „lebensrettender Hilfe“ erreicht werden, bei einem ursprünglichen Bedarf von 44 Mrd. für 180 Millionen Menschen.

Nur noch Regionen mit den höchsten Bedarfsstufen (4 und 5) und Maßnahmen, die als unmittelbar „life-saving“ gelten, werden finanziert. Alles andere, selbst wenn es entscheidend für langfristige Stabilisierung ist, fällt unter den Tisch. Diese Logik greift längst über die humanitäre Hilfe hinaus, auch in der globalen Gesundheitsfinanzierung werden präventive, langfristige und community-basierte Maßnahmen zunehmend als „nicht prioritär“ eingestuft.

„Life-saving“ als leere Hülse

Wie brüchig das Versprechen „lebensrettend“ in der Praxis ist, zeigte der 90-tägige US-Hilfestopp Anfang 2025. Die US-Regierung versprach Ausnahmen („lifesaving waivers“) für dringend notwendige Programme, doch mit fatalen Lücken. Am 24. Januar wurde ein sofortiger „Stop-Work-Order“ auch für PEPFAR-Programme verhängt: Klinikpersonal musste nach Hause geschickt werden, die Verteilung von mit US-Mitteln beschafften antiretroviralen Medikamenten (ARVs) wurde gestoppt: 20,6 Millionen Menschen verloren abrupt den Zugang zu lebenswichtiger HIV-Behandlung. Zwar erließ die neue US-Regierung wenige Tage später einen eingeschränkten Waiver, der einen Teil der Versorgung wieder ermöglichte. Doch wie die International AIDS Society (IAS) betont, reichte dies nicht aus.

„Life-saving“ ist nicht neutral es ist eine politische und kulturelle Konstruktion

Wie die Soziologin Julia Lerch (2024) anhand von Analysen zahlreicher UN-Resolutionen (1946–2018) zeigt, hat sich im internationalen Hilfssystem das Verständnis dessen, was „Menschen in Not“ brauchen, grundlegend gewandelt: weg von der reinen Sicherung des bloßen Überlebens hin zu einem umfassenderen Ansatz, der auch Basisversorgung, den Erhalt von Lebensgrundlagen, psychische Gesundheit, Prävention, Schutz vor Gewalt, soziale Teilhabe und Rechte einschließt.

Wie stark die Definition dessen, was als prioritär gilt, die Ausrichtung von Hilfs- und Gesundheitssystemen prägt, verdeutlicht die von Hugo Slim entwickelte Einteilung in drei Dimensionen: Life-saving, akute Maßnahmen zur Abwendung unmittelbarer Lebensgefahr; Life-keeping, kontinuierliche Sicherung des Überlebens, etwa durch langfristige medizinische Versorgung, Prävention und Systemstärkung; Life-making, Maßnahmen, die über die Sicherung hinausgehen und Lebensqualität erhöhen, wie Bildung, wirtschaftliche Entwicklung oder politische Teilhabe.

Ursprünglich für Krisen- und Nothilfekontexte formuliert, findet dieses Modell nun zunehmend Anwendung in der globalen Gesundheitsfinanzierung, nicht zuletzt, weil Funding Cuts und „Hyper-Priorisierung“ ähnliche Abwägungen erzwingt. Wird der Fokus zu stark auf lebensrettende (life-saving) und lebenserhaltende (life-keeping) Maßnahmen verengt, droht der Verlust von vermeintlich „nachrangigen“ Elementen wie psychosozialer Unterstützung, die Orientierung an Menschenrecht und an der Stärkung betroffener Communities – obwohl gerade sie oft die Voraussetzung dafür sind, dass lebenserhaltende udn lebensrettende Maßnahmen überhaupt möglich werden.

Überleben braucht mehr als Medikamente

Gerade im Bereich HIV und Aids zeigt sich diese Wechselseitigkeit besonders deutlich: Kontinuierliche ART ist ein klassisches lebenserhaltendes Element – ohne sie steigt die Viruslast, das Immunsystem bricht zusammen und die Situation wird lebensbedrohlich. Damit ART wirkt, braucht es jedoch begleitende befähigende (life-making) Komponenten wie Aufklärung, Antistigma-Arbeit, psychosoziale Unterstützung und die Stärkung von Community-Strukturen, durch die der Zugang zu besonders vulnerablen Schlüsselgruppen hergestellt werden kann.

Konzentrieren sich Budgets jedoch auf ein von Geberländern – oft aus dem Globalen Norden – definiertes „lebensrettendes Minimum“, geraten Prävention, kontinuierliche Versorgung und Community-Stärkung ins Hintertreffen. Dabei warnt UNAIDS: „Community-led organizations are the backbone of the HIV response – providing access to HIV services for key populations, advocating for human rights, and monitoring the HIV response.“  Sie erreichen Menschen, die sonst durchs Raster fallen, bauen Vertrauen auf und sichern die Kontinuität von Versorgung. Werden diese Strukturen gekürzt, steigen Therapieabbrüche, Resistenzen und Neuinfektionen und aus einem vermeidbaren Problem wird binnen kurzer Zeit ein akuter Notfall.

Breiter Ansatz statt enger Priorisierung

Die Erfahrung im Kampf gegen HIV, Tuberkulose und Malaria zeigt: Wirksamer Gesundheitsschutz braucht ein Zusammenspiel aus Akutversorgung, Prävention und der Stärkung von Community-Strukturen. Diese Verbindung sichern globale Partnerschaften wie der Globale Fonds, die UNAIDS und zahlreiche zivilgesellschaftliche Netzwerke. „We are not simply a funder of programs; we are a partnership rooted in solidarity, shared responsibility, science and hope“, betonte Board-Vizevorsitzende Bience Gawanas beim 53. Board Meeting des Globalen Fonds in Genf. Der Globale Fonds kombiniert Medikamente mit Prävention, Aufklärung und Community-Arbeit, bindet betroffene Communities in Entscheidungen ein und setzt auf langfristige Systemstärkung. Damit wird deutlich: Prävention und kontinuierliche Versorgung sind nicht zweitrangig, sondern untrennbar mit dem verbunden, was Leben rettet und erhält.

Es steht mehr aus dem Spiel als einzelne Programme

Mit der anstehenden 8. Wiederauffüllung des Globalen Fonds steht mehr auf dem Spiel als die bloße Finanzierung einzelner Programme. Es geht darum, ob Geberländer den Fokus weiter verengen, oder ob sie umfassende Ansätze sichern, die kurzfristig Leben retten und langfristig Versorgung stabilisieren. „What is at stake is potentially millions of lives and many of the gains we have collectively fought so hard to achieve“, warnte Peter Sands. Damit lebensrettende Maßnahmen, verstanden als das Ineinandergreifen von Behandlung, Prävention und Community-Stärkung, auch in Krisenzeiten fortgeführt werden können, braucht es jetzt klaren politischen Willen und ausreichende Mittel. Nur so bleibt „life-saving“ mehr als ein Minimalpaket: eine dauerhafte, verlässliche Absicherung von Gesundheit und Leben  und ein Beitrag zu echter gesundheitlicher Chancengleichheit. Denn ohne gleiche Zugangs- und Versorgungschancen werden die bestehenden Ungleichheiten vertieft, und diejenigen, die am meisten Unterstützung brauchen, bleiben am stärksten gefährdet.

, 2026