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Zersplittertes Glas, bittere Pillen, blühende Blumen

Tuberkulose beenden

BLOG-Reihe zur 8. Wiederauffüllungskonferenz des Globalen Fonds 2025

Blog-Beitrag von Peter Wiessner, Aktionsbündnis gegen AIDS. Dieser Beitrag ist Teil der Blogreihe zur 8. Wiederauffüllungskonferenz des Globalen Fonds. Seit dem 18. August 2025 veröffentlichen zivilgesellschaftliche Organisationen wöchentlich Beiträge zu globaler Gesundheitsfinanzierung, Chancengleichheit und der Rolle des Globalen Fonds.

Read the full blog post in English here. 

Tuberkulose (TB) ist weltweit die führende Todesursache bei Menschen mit HIV, obwohl sie vermeidbar und heilbar ist. Laut dem Ergebnisbericht des Globalen Fonds forderte sie 2022 dennoch 1,3 Millionen Todesopfer (einschließlich HIV-positiver Menschen). TB trifft vor allem marginalisierte Gruppen: 80 % der Fälle und Todesfälle betreffen Menschen in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen. Um das UN-Nachhaltigkeitsziel 3, die Beendigung von TB als Gesundheitsbedrohung bis 2030, zu erreichen, ist eine beschleunigte Bekämpfung entscheidend.

Erholung nach COVID-19

2023 verzeichneten die vom Globalen Fonds unterstützten TB-Programme eine vollständige Erholung von den pandemiebedingten Unterbrechungen. Mehr Menschen mit TB wurden gefunden und behandelt als jemals zuvor. Der Globale Fonds stellt 76 % aller internationalen Finanzmittel für TB-Programme bereit. In Partnerländern sank die Zahl der TB-Todesfälle (ohne HIV) zwischen 2002 und 2022 um 36 %.

Schwerpunkte der Unterstützung

Der Globale Fonds unterstützt Länder bei der Auffindung und Behandlung bislang unerkannter TB-Fälle; der Einführung besserer Therapieschemata; dem Ausbau von Screening und Diagnostik; sowie der Preissenkungen für wichtige Medikamente, z. B. 55 % für Bedaquilin, dem Hauptwirkstoff gegen resistente TB.

2023 erhielten 7,1 Mio. Menschen eine TB-Behandlung, 121 Tsd. wurden wegen resistenter TB therapiert, 353 Tsd. HIV-positive TB-Patient*innen bekamen antiretrovirale Medikamente. Zudem starteten 1,7 Mio. HIV-positive Menschen eine TB-Prophylaxe, und 2 Mio. Kontaktpersonen erhielten vorbeugende Therapie.

Erfolge und Fortschritte und Hoffnungen auf ein Ende der TB

In Afrika sanken die TB-Todesfälle von 2015 bis 2022 um 38 %, die Inzidenz um 23 %. Damit wurden die WHO-Ziele für 2020 übertroffen. Neue Präventions- und Behandlungsmethoden für resistente TB verbessern die Versorgung. Ohne diese Maßnahmen wären die Todesfälle um 129 % und die Neuinfektionen um 38 % gestiegen. Verstärkte politische Zusagen, kombiniert mit Fortschritten bei Diagnostik, Medikamenten und Impfstoffen könnten TB in absehbarer Zeit beenden. Die Realität sieht derzeit anders aus.

Auswirkungen der USAID-Kürzungen

Die Stop TB Partnership, federführend im globalen Kampf gegen TB, ist ein strategischer Partner des Globalen Fonds. Aufgrund der Kürzungen durch die Entscheidungen der US-Regierung unter Trump war das STOP TB Sekretariat in Genf gezwungen, Förderungen für zivilgesellschaftliche Organisationen auszusetzen und Personal abzubauen. Auch das Global Drug Facility-Programm, das lebenswichtigen Zugang zu TB-Medikamenten und Diagnostik ermöglicht, war betroffen.

Die USA hatten über Jahrzehnte hinweg etwa ein Viertel der internationalen TB-Förderung bereitgestellt. Diese abrupten Kürzungen gefährden Diagnostik, Therapie, aktive Falldetektion, Prävention sowie die Versorgung mit Medikamenten, insbesondere in hochbelasteten Ländern im afrikanischen und südostasiatischen Raum.

Dr. Lucica Ditiu, Exekutivdirektorin der Stop TB Partnership, warnt eindringlich, dass die Unterbrechung von Behandlung und Diagnostik rasch zur Entstehung und Ausbreitung gefährlicher, medikamentenresistenter TB-Stämme beitragen kann.

Inwieweit der Globale Fonds die Kürzungen ausgleichen kann, ist fraglich und wird auch von dem Erfolg des Replenishments abhängen.

NGOs und Communities brauchen Unterstützung

Die oben erwähnten Kürzung der Förderung zivilgesellschaftlicher Organisationen ist bedenklich. Es sind Mitglieder der Communities, die dazu beitragen, dass Menschen mit TB erreicht werden und Probleme wie Stigma und Diskriminierung adressiert werden. Ein fehlendes Community Empowerment wird sich hier negativ auswirken. Medikamente zu produzieren und einzukaufen reicht nicht: sie müssen die Personen und Communities erreichen, die sie brauchen.

Ich erinnere an das Interview, dass wir in 2021 mit Ani Herna Sari aus Indonesien zur Vorbereitung unserer Konferenz „Global Health Champion Germany? Von HIV zu SARS-CoV-2. Was haben wir (nicht) gelernt?“ geführt haben:

2011 wurde bei Ani Herna Sari zunächst eine Tuberkulose falsch diagnostiziert, die sich zu einer multiresistenten Form entwickelte, mitten in ihrer Schwangerschaft. Die Therapie war körperlich extrem belastend, tägliche schmerzhafte Injektionen begleiteten sie und die Wehen setzten einen Monat zu früh ein. Nach der Entbindung begann, wie sie erzählt, „eine Phase der Diskriminierung, wie ich sie mir nie hätte vorstellen können“. Im Krankenhaus wurde sie isoliert und ohne Privatsphäre untergebracht, obwohl ihre Tuberkulose-Tests längst negativ waren.

Traumatische Erlebnisse auf der Entbindungsstation
Auch ihr Kind wurde separiert. Krankenschwestern mieden Berührungen, drückten die Milchflasche nur gegen seinen Kopf. Nach acht Tagen wies der Säugling eine plattgedrückte Schädelstelle auf, eine Folge der rabiaten Behandlung. „Keiner Mutter und keinem Kind soll so etwas passieren“, sagt die Kommunikationswissenschaftlerin aus Surabaya. Sie wirbt deshalb für mehr Unterstützung und Investitionen in die Tuberkulosebekämpfung, besonders in den Globalen Fonds, dem sie ihr Überleben verdankt.

Tuberkulose ist ein Stigma
„Von Tuberkulose betroffen sind vor allem Menschen mit geringem Einkommen. Sie verlieren oft ihr gesamtes Einkommen“, erklärt sie. Der Global Fund unterstützt daher direkt, etwa mit Fahrtkostenzuschüssen zu Kliniken. Stigmatisierung und Diskriminierung seien in Indonesien noch weit verbreitet. Viele Betroffene ziehen in andere Distrikte und sind dann für Hilfsangebote kaum erreichbar, mit der Gefahr weiterer Ansteckungen. In manchen Regionen setzt man zudem lieber auf traditionelle Medizin. „Hier steht noch viel Aufklärungsarbeit bevor.“

Ani Herna Sari selbst zog sich während ihrer Erkrankung völlig zurück: „Ich wollte niemanden anstecken. Glücklicherweise stand mir meine Familie bei.“ Ohne internationale Hilfe könne Indonesien jedoch seine Gesundheitsstrukturen nicht erhalten. „Ich konnte nicht entscheiden, in welchem Land ich geboren werde. Aber jeder Mensch hat das Recht, vor Krankheiten geschützt zu sein und atmen zu können. Deshalb hoffe ich auf anhaltende Unterstützung im Kampf gegen HIV, Malaria und Tuberkulose.“

Mich haben diese Sätze sehr beeindruckt, auch weil ich Stigma und Diskriminierung damals als „Alleinstellungsmerkmal“ eher auf HIV bezog und mir nicht bekannt war, dass auch Menschen mit TB sich damit auseinandersetzen.

Es ist ein Glücksfall, dass Ani Herna Sari bis heute engagiert als Aktivistin für die STOP TB Partnership und für den Globalen Fond unterwegs ist:

Starke Kampagne des Globalen Fonds mit Rollenmodellen und Teilnahme von Künstlern

Ani ist für die aktuellen Kampagne des Globalen Fonds eine der Vorbilder: vorgestellt werden starke Frauen und deren Auseinandersetzung mit HIV, TB oder Malaria. Umgesetzt wird die Kampagne mit der Geschichte der Rollenmodelle über Videos und Features, so wie wir dies in den vergangenen Jahren auch umgesetzt haben. Neu in dieser innovativen und sehr sehenswerten Kampagne ist, dass die Geschichten durch einen Künstler vor Ort in künstlerische Druckmuster und Patterns umgesetzt werden, die als give-aways verteilt werden können.

Zersplittertes Glas, bittere Pillen, blühende Blumen

Ani Herna Sari zu der künstlerischen Umsetzung ihrer Geschichte: „Dieses Muster enthält meine Geschichte. Zersplittertes Glas, das sich von Scham befreit. Bittere Pillen, blühende Blumen – mein Schmerz wurde zu meinem Antrieb. Wir müssen Tuberkulose beenden. Wir dürfen jetzt nicht aufhören.“

Diese kraftvollen Worte von Ani Herna Sari beschreiben ihren Weg von Isolation zu Selbstbestimmung. Sie ist heute Mutter von drei Kindern und eine leidenschaftliche Fürsprecherin für Menschen, die mit TB leben.

Mein Hijab trägt ein Muster, das meine Geschichte erzählt:

Die wirbelnden Glassplitter stehen für meine Isolation während der Geburt, die Zerbrechlichkeit des Überlebens und das Befreien von Scham. Die bitteren Pillen stehen für die schmerzhafte Behandlung, die mir das Leben rettete. Und die Blumen, die trotz widriger Umstände blühen, erinnern daran, dass Hoffnung überall wachsen kann. Aus Zerbrochenem entstand Stärke

Dieses Muster ist eine schöne Erinnerung daran, dass der Schmerz, den ich ertragen musste, meinem Leben einen Sinn gab – anderen nach TB bei der Heilung zu helfen. Mein Muster erzählt nicht nur meine Geschichte, sondern auch die meiner Community: Mütter, die fürchten, zu schwach zum Heilen zu sein. Patient*innen, die noch immer im Stillen leiden.

Wir haben alles, was wir brauchen, um TB zu beenden. Warum also leiden noch Millionen? Warum sterben noch Millionen an einer vermeidbaren und heilbaren Krankheit?

Quellen:

Unser feature von Axel Schock und Video mit Ani Herna Sari 2021: Ohne internationale Hilfe könnte Indonesien die notwendige Medikamentenversorgung nicht leisten | Aktionsbündnis gegen AIDS

Video Ani Herna Sari/aktuelle Kampagne des Globalen Fonds:  

Text zum Video

Source: © The Global Fund to Fight AIDS, Tuberculosis and Malaria
Blogreihe zum Replenishment© Aktionsbündnis gegen AIDS

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