Lenacapavir
Hoffnungsträger in der HIV-Prävention und das Dilemma der Preisgeheimhaltung

Die Einführung von Lenacapavir zur HIV-Prävention markiert einen Wendepunkt in der globalen Gesundheitsversorgung. UNAIDS Direktorin Winnie Byanyima, bezeichnet das neue Tool nicht umsonst als globalen „game changer“, der nur dann seine Wirkung entfalten kann, wenn er erhältlich ist. Das lang wirkende, halbjährlich zu verabreichende Injektionspräparat verspricht nicht nur nahezu vollständigen Schutz vor HIV, sondern auch einen Paradigmenwechsel im Zugang zu innovativer Prävention und Behandlung für Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen (LMICs). Während Aktivist- und Expert*innen Lenacapavir als bahnbrechend feiern, wirft die Weigerung von Gilead Sciences, den mit dem Globalen Fonds verhandelten Preis offenzulegen, erhebliche ethische Fragen auf. „Geheimhaltung“ hat als Strategie eine lange Tradition: die Verschleierungen der Herstellungskosten von Präparaten treibt Kosten und mögliche Gewinnmarchen nach oben. Wer die Macht hat dies durchzusetzen ist klar im Vorteil. Fragen dazu eher (ver-)störend und unerwünscht. Auf der letztjährigen Welt AIDS Konferenz in München war der Zugang zu Lenacapavir eines der großen Themen: der Vertreter von Gilead Sciences wand sich während einer Pressekonferenz aufgrund meiner Fragen wie ein Aal: wieviel wird das Präparat kosten? Welche Länder werden Zugang zu freiwilliger Lizenzierung haben? Die Antworten liegen nun teilweise vor. Ob gesundheitliche Chancengleichheit (Health Equity) dadurch steigt wird die Zukunft zeigen.
Ein medizinischer Durchbruch?
Im Juni 2025 wurde Lenacapavir von der U.S. Food and Drug Administration (FDA) für die Präexpositionsprophylaxe (PrEP) zugelassen. Es handelt sich um das erste HIV-Präventionsmittel, das nur zweimal jährlich als Injektion verabreicht werden muss. Diese lange Wirkdauer kann insbesondere für Menschen und Communities mit eingeschränktem Zugang zum Gesundheitssystem, hoher Stigmatisierung und mangelnder Aushandlungs- und Durchsetzungskapazitäten anderer präventiver Möglichkeiten, lebensverändernd sein. Die traditionelle tägliche orale PrEP ist, ähnlich wie die Aushandlung des Gebrauchs von Kondomen, für viele Menschen aus strukturellen, sozialen oder persönlichen Gründen unpraktikabel. Studien zeigen, dass die Schutzwirkung von Lenacapavir sogar höher ist als bei bisherigen Mitteln, einschließlich Kondomen oder oraler PrEP. In Kombination mit anderen Präventionsinstrumenten wird Lenacapavir dabei die Rolle einer zentralen Waffe im globalen Kampf gegen HIV zugeschrieben. Ein weiterer Pfeil im Köcher der Primärprävention, um A. Schafberger zu zitieren.
Zugang für alle – erstmals auch für Länder des globalen Süden?
Das Abkommen des Globalen Fonds mit Gilead wird als Novum wahrgenommen: Zum ersten Mal wird ein HIV-Präventionsprodukt zeitgleich in Ländern mit niedrigem/mittlerem Einkommen sowie in Industrienationen eingeführt. Das Ziel des Globalen Fonds ist es, innerhalb der nächsten Jahre zwei Millionen Menschen Zugang zu Lenacapavir zu ermöglichen, beginnend mit ersten Lieferungen bis Ende 2025 nach Afrika.
Die Bedeutung dieses Schrittes ist enorm. In Ländern wie Südafrika sind insbesondere junge Frauen und Mädchen besonders stark von HIV betroffen. Auch Südafrikas Gesundheitsminister Dr. Aaron Motsoaledi bezeichnet Lenacapavir für sein Land als „Gamechanger“, weil es eine diskrete, lang wirkende Möglichkeit biete, sich vor HIV zu schützen: eine besonders wichtige Option in gesellschaftlichen Kontexten, in denen sexuelle Gesundheit oft mit Scham behaftet ist und, in Bezug auf die Durchsetzung präventiver Möglichkeiten, genderspezifische Ungleichheiten bestehen.
Das ethische Dilemma der Preisgeheimhaltung
Trotz des medizinischen und gesundheitspolitischen Durchbruchs sorgt eine Entscheidung von Gilead für scharfe Kritik: Der mit dem Globalen Fonds ausgehandelte Preis für Lenacapavir soll dauerhaft geheim bleiben. Eine Praxis, die sowohl von zivilgesellschaftlichen Organisationen wie Health GAP als auch von Expertinnen wie Fatima Hassan von der Health Justice Initiative als inakzeptabel bezeichnet wird. Hassan betont: „Der Globale Fonds wird mit öffentlichen Geldern finanziert. Solche Verträge und Preise müssen transparent sein.“
Natürlich ist das ein Dilemma. Was zählt mehr, vorausgesetzt, es fehlt an der Macht, Transparenz durchzusetzen: Schutz und Menschenleben oder die Einhaltung ideologischer Postulate? Wie würden wir entscheiden, wenn es um unseren eigenen Schutz ginge? Solange auf präventive Möglichkeiten verzichten bis dass der Preis offengelegt ist?
Und ja. Die Geheimhaltung hat weitreichende Konsequenzen. Sie verhindert zivilgesellschaftliche Kontrolle, erschwert politische Preisverhandlungen in Ländern mit mittlerem Einkommen und untergräbt das Prinzip der globalen Gesundheitsgerechtigkeit. Länder wie Brasilien, Mexiko und Argentinien, übrigens Länder, in denen Gilead klinische Studien durchgeführt hat, sind aus der freiwilligen Lizenz ausgenommen – dort verhandelt Gilead einzeln und mutmaßlich zu höheren Preisen. Der Verdacht, dass Gilead durch die Preisverschleierung eine Monopolstellung in diesen Märkten ausnutzen will, ist durchaus begründet. Menschen, die in den Studien Gefahren eingegangen sind, bleiben leer aus.
Herstellungskosten und Preispotenzial
Besonders brisant wird das Preisgeheimnis durch Erkenntnisse aus einer aktuellen Studie um Andrew Hill und anderen Forschern, veröffentlicht durch die Johns Hopkins University im Magazin Lancet: Demnach könnten generische Versionen von Lenacapavir bereits heute für etwa 25 bis 46 US-Dollar pro Jahr produziert werden – ein Preisniveau, das mit oraler PrEP vergleichbar ist. Bei einer Skalierung auf zehn Millionen Patientinnen und Patienten könnte der Preis sogar weiter sinken.
Diesen Berechnungen zufolge liegt die tatsächliche Preisgestaltung von Gilead mit ca. 1000 Prozent Aufschlag (in den USA derzeit 28.218 USD) weit über den Produktionskosten. Dies verstärkt die Forderung nach Transparenz und fairer Preisgestaltung. Für Health GAP ist es moralisch unvertretbar, ein lebensrettendes Medikament künstlich zu verknappen oder zu überteuern – insbesondere dann, wenn ein globalen Gesundheitsnotstand vorliegt.
Der Ruf nach Gerechtigkeit
Die Kritik an Gileads Preispolitik ist Teil einer größeren Debatte über die Machtverhältnisse in der globalen Pharmabranche. Schon während der COVID-19-Pandemie hatten Geheimverträge über Präventionsmittel, Impfstoffe und Therapeutika für Empörung gesorgt. Auch damals wurde kritisiert, dass die Vertraulichkeit von Preisen und Lieferverträgen das Recht der Öffentlichkeit auf Information, günstige Gesundheitsversorgung du gesundheitliche Chancengleichheit, untergräbt. Personen im Dunstkreis politischer Einflusssphären konnten sich, wie bekannt ist, im Zuge der Maskenbeschaffung beträchtliche „Speckgürtel“ zulegen. Das ist legal und hat mit Korruption rein gar nichts zu tun.
UNAIDS, WHO und zahlreiche Aktivisten fordern nun, dass Gilead und der Globale Fonds die Preistransparenz sicherstellen. Sie verlangen zudem, dass alle LMICs (Länder mit niedrige und mittleren Einkommen) in die Lizenzabkommen einbezogen werden, regulatorische Zulassungenbeschleunigt und nationale Gesetze wie Zwangslizenzen genutzt werden können, um Barrieren bei der Medikamentenzulassung und -beschaffung zu umgehen.
Gileads Strategie: Marktmonopol, Intransparenz und Profitgier
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Lizenzvergabe: Gilead hat nur sechs Generikaherstellern Lizenzen zur Produktion von Lenacapavir erteilt und den Vertrieb auf 120 LMICs beschränkt. Rund ein Viertel aller neuen HIV-Infektionen ereignen sich jedoch in 26 Ländern, die von dieser Lizenz ausgenommen sind. Dort droht eine Zwei-Klassen-Medizin, in der Menschen mit gleichem Risiko schlechtere Zugangsbedingungen haben.
Während der Globale Fonds und Partner wie die Children’s Investment Fund Foundation (CIFF) versuchen, finanzielle Barrieren zu senken, bleibt die strukturelle Marktstrategie von Gilead problematisch. Laut Health GAP ist Gileads Verhalten „eine gefährliche Mischung aus Marktmonopol, Intransparenz und Profitgier“.
Fazit: Eine Frage der globalen Gerechtigkeit
Lenacapavir ist zweifellos ein medizinischer Meilenstein im Kampf gegen HIV. Doch sein Potenzial wird nur dann ausgeschöpft, wenn es gerecht, erschwinglich und weltweit verfügbar gemacht wird. Der aktuelle Zugang für zwei Millionen Menschen ist ein Anfang – aber gemessen am globalen Bedarf von bis zu 20 Millionen ist es nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
Die Preisgeheimhaltung gefährdet das Vertrauen in globale Gesundheitsinstitutionen und untergräbt die Bemühungen um gerechte Gesundheitsversorgung. Es ist Aufgabe der internationalen Gemeinschaft, regulatorischen und finanziellen Druck auf Gilead auszuüben, um Preis- und Versorgungstransparenz zu erzwingen. Die Gesundheit von Millionen darf nicht hinter Geschäftsgeheimnissen versteckt werden.
Wie Peter Sands, Direktor des Globalen Fonds, es formuliert: „Dies ist ein entscheidender Moment – nicht nur im Kampf gegen Aids, sondern auch für das grundlegende Prinzip, dass lebensrettende Innovationen diejenigen erreichen müssen, die sie am meisten benötigen – unabhängig davon, wer sie sind und wo sie leben.“
Nur wenn dieses Prinzip auch wirtschaftlich und politisch eingelöst wird, kann Lenacapavir sein wahres Potenzial entfalten – als Schlüssel zur Beendigung der HIV-Epidemie.
Bis dies umgesetzt ist, wird es vermutlich noch eine Weile dauern. Ich warte bereits auf die die nächste Kampagne mit der Gilead von dem Skandal ablenkt und sich das Wohlwollen der globalen HIV-Community zu erkaufen versucht.
Foto: Statue vor der WHO zur Erinnerung was im Gesundheitsbereich möglich ist, wenn die Weltgemeinschaft zusammenarbeitet: „Die Ausrottung der Pocken war ein beispielloser Erfolg, der durch die Zusammenarbeit aller Nationen möglich wurde. Am 8. Mai 1980 erklärte die 33. Weltgesundheitsversammlung die Welt für pockenfrei.“
Quellen:
PM: Globaler Fonds sichert Zugang zu bahnbrechendem HIV-Präventionsmedikament Lenacapavir für Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen: https://shorturl.at/qr5yS
PM Health Gap: Gilead Imposes Price Secrecy on Global Fund Over Breakthrough HIV Prevention Shot, Blocking Transparency and Accountability: https://shorturl.at/S387Q
Winnie Byanyima/UNAIDS: ‘Lenacapavir is more effective than condoms or PrEP in prevention: https://shorturl.at/NwkJh
Lancet zu den Herstellungskosten von Lenacapavir: https://shorturl.at/0HMSL
Text und Fotos: Peter Wiessner, Juli 2025, Kontakt: wiessner@aktionsbuendnis-aids.de