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Interview

»Ohne globale Solidarität droht ein schwerer Rückfall«

Johanna Fipp©Johanna Fipp

Die USA waren jahrelang das wichtigste Geberland beim weltweiten Kampf gegen das HI-Virus, doch im Januar hat Präsident Donald Trump umfassende Kürzungen der Entwicklungshilfe verfügt. Johanna Fipp vom Aktionsbündnis gegen Aids sprach mit Paul Simon über die verheerenden Folgen dieser Entscheidung für die Behandlung und Prävention von Aids und über die Frage, was getan werden müsste, um eine gesundheitliche Katastrophe zu verhindern.

Interview von Paul Simon

US-Präsident Donald Trump hat im Januar die US-Behörde für Entwicklungszusammenarbeit, USAID, weitestgehend abgewickelt. Was hat das für eine Auswirkung auf den weltweiten Kampf gegen das HI-Virus?
Betroffen sind zentrale Programme der globalen Aids-Bekämpfung und Gesundheitsversorgung: Prävention, Testung, Behandlung, Beratung sowie Betreuung insbesondere marginalisierter Gruppen. Viele dieser Projekte wurden über das unter US-Präsident George W. Bush gegründete Programm Pepfar finanziert, das weltweit größte Programm eines einzelnen Staates gegen Aids. Konkret geht es um die Bereitstellung von und den Zugang zu lebensnotwendigen HIV-Medikamenten, die medikamentöse HIV-Vorsorge (PrEP) sowie um weitere Präventionsangebote, etwa zur Verhinderung der HIV-Übertragung von Müttern auf ihre Kinder. Dazu kommen Aufklärungskampagnen, mobile Kliniken und der Aufbau von Selbsthilfestrukturen. Die Folgen der Kürzungen sind weltweit verheerend.

Welche Länder sind besonders stark betroffen?
Länder mit hoher HIV-Prävalenz und starker Abhängigkeit von externer Finanzierung sind beispielsweise Uganda, Kenia, Nigeria, Mosambik und die Demokratische Republik Kongo. Aber auch außerhalb Afrikas, etwa in der Ukraine, Haiti und Südostasien sind die Folgen spürbar. In Nigeria ist die Zahl der PrEP-Nutzer:innen seit Anfang 2025 um über 85 Prozent gesunken. In der Ukraine sind die Angebote für Binnenflüchtlinge stark gefährdet.

»Wer lokale Strukturen zerstört, gefährdet Menschenleben. Und das passiert vielfach im Stillen, ohne dass es zunächst internationale Aufmerksamkeit bekommt.«

Wer ist besonders betroffen?
Vor allem marginalisierte und diskriminierte Gruppen mit erhöhtem HIV-Risiko, zum Beispiel Drogengennutzer­:innen, schwule Männer und andere LGBT-Personen, Sexarbeiter:innen sowie junge Frauen und Mädchen in Afrika südlich der Sahara. Insbesondere in Ländern mit diskriminierenden oder kriminalisierenden Gesetzen, etwa gegen Drogengebrauch, gleichgeschlechtliche Lebensweisen oder Sexarbeit, ist es ein Problem, wenn die Betroffenen den Zugang zu spezialisierten Programmen verlieren. Viele sind auf gemeindenahe Angebote angewiesen, also Programme, die sehr nah an den Betroffenen arbeiten, deren Bedürfnisse kennen und in den Mittelpunkt stellen.

Warum ist das so wichtig?
Sogenannte communitybasierte Angebote sind oft wirksamer als staatliche Gesundheitsdienste. Dem Gemeinsamen Programm der Vereinten Nationen für HIV/Aids (UNAIDS) zufolge erreichen sie bessere Therapieerfolge und mehr HIV-Tests. Fast 80 Prozent der HIV-Prävention in einkommensschwachen Ländern sind allerdings auf internationale Geldgeber angewiesen – darunter maßgeblich USAID. Die Kürzungen treffen daher das Herzstück der HIV-Arbeit.

Wie wirkt sich das konkret aus?
Es wurden nicht einfach nur Budgets reduziert, in vielen Fällen sind ganze Versorgungsstrukturen zusammengebrochen. Ein eindrückliches Beispiel ist Äthiopien: Nach dem Wegfall der US-Finanzierung mussten dort zahlreiche communitybasierte HIV-Programme schließen. Mobile Präventions- und Gesundheitsteams, die Patienten auch in abgelegenen Gebieten aufsuchen, wurden entlassen, organisierte Basisgruppen lösten sich auf und die Versorgung mit Präventionsmitteln und Medikamenten kam nahezu zum Erliegen.
Und es geht natürlich bei weitem nicht nur um Aids. In Thailand zum Beispiel wurden Programme zur Versorgung von Geflüchteten aus Myanmar abrupt eingestellt, insbesondere in Grenzregionen. Das betraf nicht nur medizinische Angebote, sondern auch grundlegende Hilfen wie die Versorgung mit Lebensmitteln. Diese Programme waren für viele Menschen lebenswichtig und sie verschwanden quasi über Nacht.

Wie reagieren die Betroffenen?
Trotz aller Rückschläge ist vielerorts auch bemerkenswerte Initiative zu beobachten, wozu angesichts der Diskriminierung, die es im Zusammenhang mit HIV und Homosexualität gibt, auch viel Mut gehört. Es gibt Berichte von jungen Freiwilligen, die sich über Whatsapp-Gruppen zusammengeschlossen haben, um eigenständig Medikamente zu verteilen. In einigen Regionen haben sich Mütter gegenseitig unterstützt, um die Therapien ihrer Kinder aufrechtzuerhalten. Und über Radiostationen wurde weiterhin über HIV-Prävention aufgeklärt, mit einfachsten Mitteln, aber einer großen Reichweite. Aber wir dürfen uns nicht täuschen: Initiative Einzelner ersetzt keine Finanzierung. Wer lokale Strukturen zerstört, gefährdet Menschenleben. Und das passiert vielfach im Stillen, ohne dass es zunächst internationale Aufmerksamkeit bekommt.

»Durch den Wegfall von PrEP und zielgruppenspezifischen Programmen steigen außerdem Neuinfektionen, auch bei Neugeborenen. Die Sterblichkeit wird zunehmen.«

Was bedeuten die Kürzungen für Patient:innen?
Fehlende Medikamente und zusammenbrechende Versorgungsstrukturen gefährden unmittelbar das Leben von Menschen mit HIV. Wenn Medikamente nicht mehr eingenommen werden können, vermehrt sich das Virus wieder im Körper. Das hat nicht nur gravierende gesundheitliche Folgen – eine unbehandelte HIV-Infektion führt in fast allen Fällen nach einigen Jahren zum Tod –, sondern erhöht auch das Risiko, dass das Virus weitergegeben wird. Denn man darf nicht vergessen: Behandlung ist auch Prävention. Wer erfolgreich therapiert wird, kann das Virus nicht mehr übertragen. Durch den Wegfall von PrEP und zielgruppenspezifischen Programmen steigen außerdem Neuinfektionen, auch bei Neugeborenen. Die Sterblichkeit wird zunehmen.

UNAIDS prognostiziert bei anhaltenden Kürzungen der USA bis 2029 sechs Millionen zusätzliche HIV-Infektionen und vier Millionen Todesfälle. Ist das realistisch?
Leider ja. Diese Prognosen basieren auf fundierten Modellen. Ein dauerhafter Wegfall internationaler Finanzierung führt zu großen Versorgungslücken, besonders in Ländern mit schwachen Gesundheitssystemen. Und das Problem geht weit über Aids hinaus. Eine in diesem Jahr erschienene Studie im Fachjournal The Lancet schätzt, dass die US-Kürzungen in der Entwicklungszusammenarbeit insgesamt, also nicht nur im HIV-Bereich, bis zum Jahr 2030 weltweit zu über 14 Millionen zusätzlichen Todesfällen führen könnten. Besonders betroffen wären Kinder: Mehr als 4,5 Millionen dieser Todesfälle würden Kinder unter fünf Jahren treffen.
Die globale Gesundheitsversorgung insgesamt steht unter Druck. Wenn die Kürzungen nicht gestoppt oder neue Finanzierungsquellen erschlossen werden, drohen jahrzehntelange Fortschritte zunichte gemacht zu werden, nicht nur im Kampf gegen HIV und Aids, sondern auch bei Tuberkulose, Malaria, der Kinder- und Müttergesundheit und der Basisgesundheitsversorgung insgesamt.

Was muss getan werden, um diese Entwicklungen aufzuhalten?
Kurzfristig braucht es entschlossenes Handeln anderer Geber, etwa von Deutschland und der EU, um die gefährlichsten Versorgungslücken zu schließen. Das heißt konkret: Wir brauchen eine Aufstockung der Mittel für den Globalen Fonds, der 2002 auf einen Beschluss der UN-Generalversammlung hin gegründet wurde, um international HIV, Tuberkulose und Malaria zu bekämpfen, zusätzliche Beiträge für UNAIDS und die rasche Nutzung bestehender Instrumente wie der Umleitung von Mitteln für Schuldentilgung und Zinszahlungen in die Finanzierung von Gesundheitsprogrammen. In Deutschland gibt es dafür mit dem Programm »Debt2Health«bereits ein gutes Beispiel.

Gibt es Bemühungen betroffener Länder, die fehlenden Finanzhilfen aus eigener Kraft auszugleichen?
Ja, etwa 25 von 60 Ländern planen mehr öffentliche Gesundheitsmittel, darunter Bhutan, Brasilien, Namibia, Pakistan und Moldau.

Reicht das?
Nein. Die Spielräume sind begrenzt, viele Länder zahlen das Vielfache ihrer Gesundheitsausgaben allein für den Schuldendienst. Es ist illusorisch zu glauben, dass die betroffenen Länder den Wegfall internationaler Gelder ersetzen könnten.

»Die Bundesregierung hat die Entwicklung durchaus mit Sorge zur Kenntnis genommen, aber eine angemessene Reaktion blieb bisher aus.«

Wie verhält sich die Bundesregierung?
Die Bundesregierung hat die Entwicklung durchaus mit Sorge zur Kenntnis genommen, aber eine angemessene Reaktion blieb bisher aus. Im aktuellen Entwurf für den Bundeshaushalt 2025 sind als direkte Zusage für den Globalen Fonds zur Bekämpfung von HIV, Tuberkulose und Malaria, also den weltweit größten multilateralen Finanzierungsmechanismus in diesem Bereich, lediglich 900 Millionen Euro für einen Förderzeitraum von drei Jahren vorgesehen, ergänzt durch weitere 50 Millionen über ein bilaterales Vorhaben. Diese Summe reicht bei weitem nicht aus, um der derzeitigen Notlage gerecht zu werden.

Was fordern Sie?
Anstatt auf die globalen Herausforderungen mit einer Aufstockung zu reagieren, kürzt die Bundesregierung ihren Beitrag um circa 25 Prozent im Vergleich zur vorigen Finanzierungsrunde, bei der sie 1,3 Milliarden Euro zugesagt hatte. Wir fordern, dass Deutsch­­land den errechneten fairen Beitrag von 1,8 Milliarden Euro zum Globalen Fonds für den Förderzeitraum von drei Jahren bereitstellt, mindestens jedoch 1,4 Milliarden Euro, um bestehende lebensrettende Programme nicht zu gefährden. Ebenso entscheidend ist eine verlässliche Finanzierung von UNAIDS, das maßgeblich von der US-Finanzierung abhängig war. Insgesamt gilt es, der gefährlichen Renationalisierung der globalen Gesundheitspolitik entschieden entgegenzutreten und die internationale Zusammenarbeit zu stärken.

Was kann sonst noch getan werden?
Es braucht eine starke Zivilgesellschaft, die kontinuierlich informiert, politischen Druck aufbaut und die Belange Betroffener vertritt, und zwar auch hier in Europa. Aids war zuletzt aus dem Fokus geraten, doch die derzeitige Krise zeigt, wie fragil die Fortschritte der vergangenen Jahre sind. Ohne globale Solidarität droht ein schwerer Rückfall.

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, 2026