UN HLM zu antimikrobiellen Resistenzen 2024
Einige plausible Ansätze. Umsetzung bleibt schwammig
Am 20. September fand in New York das hochrangige Treffen der Vereinten Nationen zu antimikrobiellen Resistenzen (UNHLM AMR) statt. AMR (antimikrobielle Resistenzen) beschreibt das Phänomen, bei dem Mikroorganismen wie Bakterien, Viren, Pilze und Parasiten gegen die Medikamente resistent werden können, wenn sie unsachgemäß und zweckendfremdet eingesetzt werden, bspw. nicht zur Behandlung von Infektionen, sondern als Wachstumsbeschleuniger in der Tierhaltung. Das UN HLM zu AMR war nicht das erste Treffen auf der Ebene der Vereinten Nationen. Das Ergebnis des ersten UN-HLM zu AMR in 2016 war die Entwicklung des Globalen Aktionsplans zu AMR. Alle Länder wurden zur Förderung der globalen Gesundheitssicherheit, zur Entwicklung nationaler Aktionspläne, sowie zur Verbesserung der Überwachung und die Förderung nachhaltiger Praktiken aufgefordert. Dass das Thema auf der Ebene der Vereinten Nationen behandelt wurde, ist, auch wenn die Umsetzung der erzielten Vorhaben schwammig bleibt, gut und wichtig. Im November 2024 wird es in Saudi-Arabien eine ministerielle Konferenz mit dem Titel „from Declaration to Implemenation“ (von der Deklaration zur Implementierung) geben. Der Titel passt. Bleibt abzuwarten, was dabei herauskommt und ob das Öl-reiche Gastland etwas zur Finanzierung beiträgt. Peter Wiessner war für das Aktionsbündnis in New York dabei und berichtet von seinen Eindrücken.
Auch wenn das Treffen global einige Aufmerksamkeit erzielte, war - im Vergleich zu anderen UN HLMs - die Präsenz der internationalen Zivilgesellschaft aus dem HIV-Bereich wenig vertreten. Erstaunlich eigentlich angesichts des Zusammenhangs zwischen Resistenzentwicklung und HIV: Menschen mit HIV/Aids und instabilem Immunsystem gehören zu den Hauptrisikogruppen von mit AMR in Verbindung stehenden Komplikationen. Global betrachtet, betrifft dies vor allem das Viertel der Menschen mit HIV, die immer noch keinen Zugang zu HIV-Therapien haben. Auch für Menschen mit Tuberkulose – weltweit die Haupttodesursache für Menschen mit einer TB/HIV Koinfektion - ist das Thema wichtig: Antibiotika-resistente Tuberkulose-Infektionen erhöhen die Sterberate und stellen für die Therapie eine große Herausforderung dar. Ebenso in der Bekämpfung der Malaria: gegen Medikamente resistent gewordene Parasiten gefährden Erfolge in der Prävention und Behandlung. Dass der Globale Fonds zur Bekämpfung von HIV, Tuberkulose und Malaria und die Stop TB Partnership in der Deklaration positiv erwähnt werden, ist folgerichtig.
Ziel des zweiten UN HLM zu AMR war es, die Entschlossenheit der Mitgliedstaaten zu bekräftigen und geeignete Maßnahmen zu identifizieren. Verabschiedet wurde ein 15-seitiger Text, in dem geplante Vorhaben in Bereichen wie Mensch- und Tiergesundheit, Landwirtschaft, Umwelt, Wissenschaft, die Entwicklung und Produktion neuer Behandlungs- und Präventionsansätze sowie zur Evaluation und Bobachtung antimikrobieller Resistenzen skizziert werden. 2029 sollen dann in einem weiteren Treffen die Ergebnisse überprüft bzw. Maßnahmen angepasst werden.
Diplom in Diplomatie
Viele der in dem Abschluss Dokument beschrieben Vorhaben sind plausibel. Es fallen auch die richtigen Stichworte: Der One-Health-Ansatz, WASH, sektorenübergreifendes Vorgehen, etc. Wie bei anderen Dokumenten dieser Art gesehen, entbehrt das Papier jedoch nicht einer gewissen Lyrik, was nicht wundert: Abschlussdokumente sind das Ergebnis diplomatischer Aushandlungsprozesse, meist lesen sie sich flüssig und positiv. Die Darstellung von Problemen und Interessenskonflikten wird dabei häufig vermieden bzw. nur „verklausuliert“ zur Sprache gebracht. Wer kein Diplom in Diplomatie vorweist, kann dabei leicht in die Irre geführt werden. Zur Einordnung entsprechender Texte ist es deshalb aufschlussreich darauf zu achten, welche Aspekte und Forderungen nicht genannt werden bzw. unspezifisch bleiben: Machtverhältnisse und Interessenskonflikte werden dadurch bloßgelegt.
Ergebnisse
- Festgesetzt wurde das Ziel, die Zahl der weltweiten Todesfälle im Zusammenhang mit AMR bis 2030 um 10 % zu senken. Im Jahr 2019 kam es zu insgesamt 4,95 Millionen Todesfällen aufgrund arzneimittelresistenter bakterieller Infektionen. Darunter befinden sich 1,27 Millionen Todesfälle, die direkt auf bakterielle Resistenz gegen antimikrobielle Mittel zurückzuführen sind, davon 20 Prozent bei Kindern unter fünf Jahren. Es ist gut, dass eine konkrete Zielmarke genannt wird. Aber: sind 10 % ambitioniert genug? Leider bleibt es vage, wie und mit welchen konkreten Maßnahmen die Zielmarke erreicht werden soll. Von einem Abschlussdokument wäre die Beschreibung konkreter Schritte zu erwarten.
- Beabsichtigt ist eine Finanzierung von 100 Mio. US-Dollar (USD) wodurch bis 2030 mindestens 60 % der Länder dabei unterstützt werden sollen nationale Aktionspläne zur Bekämpfung AMR zu implementieren und dafür finanzielle Mittel bereitzustellen. Zwar haben 178 Länder sektorenübergreifende Aktionspläne verabschiedet, aber nur 48 % dieser Länder implementieren sie. Und nicht mehr als 11 % der Länder stellen zu der Umsetzung auch Mittel aus dem Staatsbudget zur Verfügung. Für die Umsetzung der Vorhaben sind 100 Mio. USD sicher nicht ausreichend, vorausgesetzt, dass die Beträge überhaupt zusammenkommen. Auch fehlt eine klare Aufgabenverteilung für die Umsetzung eventueller Maßnahmen. Es wäre gut, wenn die Bundesregierung dies als eines der Kernthemen für die derzeit entwickelte globale Gesundheitsstrategie aufgreift. Für die Entwicklungszusammenarbeit des BMZ wäre die Hilfestellung bei der Entwicklung und Umsetzung von lokalen Aktionsplänen sicher ein Thema, dem man sich verstärkt widmen könnte.
- Für die globale Arbeit zu Tuberkulose ist sicherlich hilfreich, dass in der Erklärung die Bedeutung der (multiresistenten) Tuberkulose reflektiert wird. Die Globale Arzneimittelfazilität der Stop-TB-Partnerschaft wird als wichtiges Beschaffungs- und Marktgestaltungsinstrument bei der Versorgung der Länder mit TB- und AMR-Medikamenten anerkannt.
- Beschlossen wird die Einrichtung eines unabhängigen Gremiums zur Erarbeitung von Maßnahmen gegen die Antibiotikaresistenz. Arbeitsweise, Zielrichtung und Zusammensetzung dieses Gremiums ist derzeit jedoch unklar. Gut wäre es, wenn keine Doppelstrukturen geschaffen werden und eine Kooperation/Anbindung an die WHO gewährleitet ist.
- Durchaus skandalös sind die fehlenden Vereinbarungen zur globalen Reduktion des Antibiotikaeinsatzes in der Tierhaltung und Viehzucht, die, hauptsächlich eingesetzt zur Wachstumsförderung, im Vergleich zur Humanmedizin schätzungsweise 70-80 % des weltweiten Antibiotikaverbrauchs ausmacht. Die Mitgliedstaaten „bemühen“ sich den Antibiotikaverbrauch bis 2030 „bedeutend“ zu reduzieren, heißt es in dem Abschlussdokument dazu. Keine Zielmarke von 20 oder gar 50 %, nichts! Fleischproduzierende Staaten wie die USA, Neuseeland etc. haben sich durchgesetzt. Der Schutz einheimischer Fleischproduktion ist wichtiger als abstrakte Gefahren der globalen Gesundheit.
Was Sätze wie: „er/sie bemühte sich“ in Zeugnissen bedeuten ist bekannt. Im „Bemühen“ der Staatengemeinschaft zur Bekämpfung der Antibiotikaresistenzen ist jedenfalls noch viel Luft nach oben. Etwas mehr an konkreten Verpflichtungserklärungen und Zielvorgaben hätte es schon sein dürfen! Als eines der Ergebnisse des in Berlin am 09. Oktober in Berlin stattgefundenen Parlamentarischen Abends zu AMR wurde hingegen als positiv festgehalten, dass das Fehlen konkret definierter Vorgaben ja auch die Flexibilität bei der Umsetzung fördern könne.
Peter Wiessner
Oktober 2024
wiessner@aktionsbuendnis-aids.de
Anlage: Text der Abschlusserklärung: https://www.un.org/pga/wp-content/upload...
Fotos: Shutterstock; Peter Wiessner