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Das Problem – Hintergründe zur Mutter-Kind-Übertragung

„Ich hoffe so sehr das mein Baby gesund sein wird.“ Rangita aus Bangalore in Indien wirkt ängstlich und hilflos. Sie ist im neunten Monat schwanger und seit zwei Jahren hat sie Aids. „Mein Mann hat mich angesteckt. Er war schon vorher krank, jetzt bin ich es auch. Zum Glück habe ich jetzt im Krankenhaus von den Behandlungsmöglichkeiten für mein Baby und mich erfahren.“

Foto: DON BOSCO Mission für die Jugend dieser Welt

Die Direktorin und Ärztin der ASHA-Stiftung, Dr. Glory Alexander, erklärt: „Rangita ist kein Einzelfall. In Indien leben mehr als fünf Millionen Menschen mit dem HI-Virus. Jedes Jahr werden in Indien 40.000 Babys mit dem Virus geboren. Die Ansteckung erfolgt am Ende der Schwangerschaft, bei der Geburt oder beim Stillen. In Indien gibt es immer mehr Einrichtungen für Aidstests und zur Behandlung der aidskranken Schwangeren, aber zur Zeit sind noch neun Millionen schwangere Frauen, vor allem auf dem Land, von diesen Möglichkeiten ausgeschlossen.“

Die Mutter-zu-Kind-Übertragung heißt politisch korrekt „Eltern-Kind-Übertragung“, da beide Elternteile in die Vorbeugung für das Baby und die Medikamentenbehandlung mit einbezogen werden müssen. Dazu sind strukturelle Verbesserungen der Gesundheitsversorgung notwendig und die Einbeziehung des Umfeldes der Familie.

Eine Verhinderung der Mutter-zu-Kind-Übertragung ist möglich!

Schon seit 1998 ist es möglich, die Übertragung des HI-Virus von der Mutter auf das Kind erfolgreich zu verhindern. Immer noch ein Drittel der Behandlungen besteht jedoch aus einer Einmaldosis des Medikaments Nevirapine. Durch verbesserte Forschung und vielseitige praktische Erfahrungen wurden gerade für ärmere Staaten mit hoher HIV-Infektionsrate und gleichzeitig schwachem Gesundheitssystem große Fortschritte durch längere Behandlungen erzielt.

Foto: Marwin Meier

Dadurch ergab sich eine einfach anzuwendende und sehr preisgünstige Behandlungsmöglichkeit, um das HIV-Übertragungsrisiko von der Mutter auf das Kind deutlich von 30 bis 40 Prozent ohne Behandlung auf 16 Prozent allein mit dem Einsatz von Nevirapin zu senken. Bis auf unter 2 Prozent Ansteckungsgefahr kann das Infektionsrisiko gesenkt werden, wenn moderne Kombinationsmedikamente eingesetzt werden.
 
In Deutschland steht Schwangeren eine weitreichende Palette von Vorbeugungsmöglichkeiten zur Verfügung: Von freiwilligen HIV-Tests, über Schwangerschaftsuntersuchungen bis hin zu hochwirksamen Medikamenten. Auch bei der Geburt und durch Alternativen zum Stillen kann die Übertragung verhindert werden, sodass sich mit weniger als 25 Kindern pro Jahr nicht einmal ein Prozent der Kinder von HIV-positiven Müttern in Deutschland infizieren.

Es gibt Fortschritte, aber für hunderttausende Babys zu spät und langsam

Es gibt auch in ärmeren Staaten eine spürbare Steigerung der finanziellen Unterstützung: Die Milleniumsziele aus dem Jahr 2000 und die in einer Sondersitzung der Vereinten Nationen zu HIV und Aids beschlossenen Verpflichtungen im Jahr 2001 haben Fortschritte gebracht. Das Ziel, bis 2010 allen Menschen weltweit den Zugang zu medizinischer Behandlung, Pflege und Vorbeugung zu ermöglichen, kann jedoch nicht mehr erreicht werden.

Foto: Gemeinschaft Sant'Egidio

2008 wurden 45 Prozent der HIV-positiven schwangeren Frauen durch die Medikamentenbehandlung erreicht. 2007 waren es noch 35 Prozent gewesen. Von einem Zugang für alle Betroffenen kann man 2010 jedoch nicht sprechen. Deshalb infizieren sich trotz der Fortschritte, nach den Zahlen der Weltgesundheitsorganisation von 2008, immer noch jedes Jahr weit über 400.000 Kinder mit dem HI-Virus. Mehr als 90 Prozent dieser Kinder sterben durch die HIV-Ansteckung von der Mutter - mehr als die Hälfte davon in den ersten zwei Lebensjahren.

Keine Babys mit HIV? Blick nach Russland und in die Ukraine

Politischer Wille ohne Achtung der Menschenrechte begrenzt Präventionserfolge der am stärksten von der HIV-Epidemie betroffenen Ländern Europas.

Unterstützung beim Leben mit HIV durch Eltern-Kind-Treffs, Hilfe bei Behördengängen und medizinischen Fragen: ein Schwerpunkt der Caritas Ukraine in Lviv, Westukraine. Foto: Renovabis/Ebel

Die Schattenseite der Mutter-Kind-Prävention

Doneck, Ostukraine. In die Beratungsstelle für Schwangere mit HIV kommt Anfang 2010 eine seit langem drogenabhängige junge Frau. Sie wurde ins neue Substitutionsprogramm aufgenommen, nimmt nun den Ersatzstoff Methadon und hat sich seitdem bereits etwas soziale Stabilität erarbeitet. So sieht sie trotz Sucht und HIV-Infektion eine persönliche Perspektive für sich und ihr Kind, freut sich auf das Kind und ist gewillt, alles dafür zu tun, dass ihr Kind ohne den Virus zur Welt kommt.

Bei ihrem nächsten Besuch ist alle Freude aus ihrem Gesicht verschwunden: Ihr Narkologe (Suchtfacharzt) hat sich geweigert, ihr das Mittel Methadon zu verschreiben, solange sie schwanger ist: Sie solle das Kind abtreiben, das sowieso nicht gesund zur Welt kommen würde, erst danach würde sie wieder ins Behandlungsprogramm aufgenommen. Da die Klientin noch immer abhängig und auf das Methadon angewiesen ist, sieht sie keinen Ausweg. Das Kind wird abgetrieben. (Bericht der Gynäkologin Elena K.)

Prävention oder Menschenrechte?

In Russland und der Ukraine wuchs die Zahl der Menschen mit HIV seit 1995 bis heute von wenigen tausend auf über 1,4 Mio. besonders durch Drogengebrauch. Mit wachsendem Anteil HIV-positiver Frauen wurde die Prävention der Mutter-Kind-Übertragung zur staatlichen Priorität – durchaus  mit Erfolg: In der Ukraine erhielten 2009 schon 94,9% der Schwangeren ARV-Medikamente. Es gelang, die Infektionsrate von 27,8% in 2001 ebenso wie in Russland auf ca. 6,2% zu senken.

Svetlana Boderackaya, lebt seit 10 Jahren mit dem Virus, vier Kinder, unterstützt für die Caritas-Spes in Kiev junge Familien durch Hausbesuche und Beratung. Foto: Renovabis/Ebel

Allerdings hat sich die mit HIV und Sucht verbundene Stigmatisierung teils  „addiert“ zu einer extrem negativen Einstellung zu Menschen mit HIV – selbst beim medizinischen Personal.  Das Ziel: „Keine Babys mit HIV“ führt dann plötzlich zu Zwangs-HIV-Tests, zur Forderung der Abtreibung oder einer Sterilisation nach der Geburt. NGOs in der russischen Föderation berichten, dass Krankheiten, Behinderungen und ein früher Tod drohend prognostiziert werden – bis die Frauen dem Abbruch zustimmen. Eine sibirische Kleinstadt-HIV-Ärztin begründet den Zwangstest für alle Schwangeren, ohne deren offiziell vorgeschriebene Einwilligung: „Wer als Erwachsener zu uns kommt, der weiß, warum. Die Kinder aber sind unschuldig und die will ich retten – um jeden Preis.“ Statt ebenfalls vorgeschriebener Vor- und Nach-Test-Beratung „überzeugt“ sie junge Mütter unmittelbar nach der Geburt, sich sterilisieren zu lassen. So wird das Recht „unschuldiger Kinder“ auf Gesundheit ausgespielt gegen die staatsbürgerlichen Rechte der Eltern.

Menschenrecht und Hilfe – für „Babys ohne HIV“ samt Familie!

Wer in Russland oder der Ukraine mit HIV und Sucht lebt, bewegt sich oft am Rande der Legalität, kommt ins Gefängnis, lebt im Chaos. Unter solchen Bedingungen gehen Ausweisdokumente verloren, werden Arztbesuche und Vorsorgeuntersuchungen aufgeschoben, Polizei und staatliche Einrichtungen gemieden. Antiretrovirale Medikamente bekommt nur, wer sich im Aids-Zentrum registrieren lässt, was manche Patienten aus Angst vor Behörden und Repression fürchten.

Gerade suchtkranke Frauen erhalten zwar antiretrovirale Medikament während der Geburt, danach steht es aber schlecht um die medizinische und soziale Betreuung von Mutter, Kind und Familie. Wenn Frauen auf der Straße oder im Gefängnis leben, als Prostituierte oder Drogenabhängige bekannt sind, wird ihnen nahe gelegt, ihre Kinder ins Heim zu geben.

Medikamentöse Prävention ist wichtig, wie alle anderen brauchen aber auch russische oder ukrainische Babys mehr als das, nämlich menschenrechtsbasierte Unterstützung und Hilfe - auch für ihre Mütter und Familien!

  • von Monika Rosenbaum, Missionsärztliches Institut, Beraterin zu „HIV und AIDS in Osteuropa“ für Renovabis und Caritas international und engagiert sich im Fachkreis Osteuropa des Aktionsbüdnnis gegen AIDS