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HIV Behandlung in Simbabwe

Ohne internationale Unterstützung sind die 90-90-90-Ziele von UNAIDS nicht zu erreichen

HIV Fachkonferenz Global Fund

Das St. Albert’s Mission Hospital an der Grenze zu Mosambik ist eine der wichtigen Krankenhäuser Simbabwes für die Versorgung von Menschen mit HIV und Aids. Ein Gespräch mit Ordensschwester Melania Nyamukuwa, die dort seit 2000 maßgeblich die Beratung und Betreuung verantwortet, über die besonderen Herausforderungen bei ihrer täglichen Arbeit. Schwester Melania nahm an unserer Konferenz "das Ende von AIDS kommt nicht von allein" teil. Wir bedanken und für ihren Beitrag und bei Axel Schock, der das Interview führte.

Schwester Melania, welche Aufgaben übernehmen Sie im St. Albert’s Mission Hospital?

Ich kümmere mich speziell um Menschen mit HIV/Aids, sowohl im Krankenhaus, wie auch in den umliegenden Dörfern, insbesondere um Aidswaisen.

Es ist wichtig, dass sie in ihrem familiären Umfeld aufwachsen, zumal es auch gar nicht genügend Heimplätze für alle gäbe. Deshalb unterstützen wir die Verwandten, es sind meist die Großeltern, damit die Kinder genügend zu essen haben und zur Schule gehen können, also auch Geld für die Schulbücher und Schuluniformen zur Verfügung steht. Wenn die Kinder selbst auch positiv sind, bekommen sie in unserer Klinik die notwendigen Medikamente.

Ein weiteres Arbeitsfeld ist die Beratung von Menschen mit HIV/Aids und deren Familien, dazu gehören auch Gespräche mit HIV-Positiven, die aufgrund ihrer Infektion Suizidgedanken haben.

2001 habe ich ein Programm zur Behandlung von HIV-positiven Schwangeren mit aufgebaut und dies bildet bis heute auch einer meiner Arbeitsschwerpunkte.

Durch eine rechtzeitige Therapie können Schwangere gebären, ohne das Virus auf ihre Babys zu übertragen.

Das ist ein wichtiger und großartiger Erfolg. Zugleich entstehen aber auch neue Herausforderungen.  Diese Mütter erleben, dass ihr Kind HIV-negativ ist und manche schließen dann daraus, dass sie nun selbst geheilt seien. Sie ziehen vielleicht in ein anders Dorf, heiraten einen anderen Mann, ohne diesem von ihrer HIV-infektion zu erzählen - aus Scham und weil sie diese Krise vermeintlich überstanden haben. Die Aufklärungsarbeit kommt für uns letztlich nie zu einem Ende. Das ist eine große Aufgabe.

Vor wenigen Jahren wurden viele der Aidswaisen, deren Eltern an den Folgen der Krankheit starben, bei der Geburt noch mit HIV infiziert.

Diese Jungen und Mädchen kommen nun in ein Alter, in dem sie fragen: Wie kann es sein, dass ich positiv bin, wo ich doch noch nie Sex hatte? Diese Gespräche führe ich immer häufiger und sie sind alles andere als einfach. Auch für deren Mitschüler ist es nicht immer leicht zu verstehen, warum sie regelmäßig Medikamente einnehmen müssen. Wir wollen deshalb nun verstärkt in die Schulen gehen, um die Kinder darüber zu informieren und zugleich auch ein Bewusstsein für HIV zu schaffen.

Wie sieht die Behandlung der mit HIV infizierten bzw. der bereits an Aids erkrankten Menschen aus?

In unserem Distrikt gibt es insgesamt zwölf Krankenhäuser, unseres aber ist das einzige, das sich speziell auch um Menschen mit HIV und Aids kümmert. Für viele der Patienten ist der Weg zu uns aber einfach zu weit. Wir versuchen deshalb, gerade auch jene, die bereits Aidssymptome ausgebildet haben, regelmäßig aufzusuchen. Das ist allerdings sehr aufwändig. Die Straßen sind schlecht und die Entfernungen sind weit. Wir haben zwar ein eigenes Auto, doch nach nunmehr 17 Jahren ist es sehr reparaturanfällig geworden und wir müssten es dringend durch ein neues ersetzen.  

Ist ihr Krankenhaus so gut ausgestattet, dass es sich um alle HIV-Patient_innen im Einzugsbereich kümmern kann?

Es gibt immer wieder Zeiten, in denen die Betten alle belegt sind und wir deshalb Notlager in den Krankenhausfluren einrichten müssen. Deshalb verstärken wir nun auch die Versorgung der Patienten zu Hause. Wir haben auch nur insgesamt drei Ärzte und sehr wenige Schwestern, die sich um die Kranken kümmern. Wir arbeiten eigentlich stets am Rande unserer Belastungsgrenze.

Ist es schwierig, offen mit der eigenen HIV-Infektion umzugehen?

HIV ist immer noch ein großes Tabu. Wir haben inzwischen Selbsthilfegruppen für Menschen mit HIV initiiert, in denen sie sich austauschen und gegenseitig unterstützen können. Es ist wichtig für sie zu erleben, dass sie nicht allein sind. Inzwischen gibt es auch einige, die mit mir zu Aufklärungsveranstaltungen mitkommen, um ihre Geschichte zu erzählen: „Seht, ich war durch das Virus bereits schwer krank, aber durch die Medikamente kann ich niemanden mehr infizieren und fühle mich wie ein gesunder Mensch.“

Wir erhoffen uns, so mehr Leute zum Test zu bewegen. Frauen sind dazu viel eher bereit, zumal im Rahmen ihrer Schwangerschaft. Männer hingegen kommen meist erst, wenn sie bereits schwer erkrankt sind.

Deshalb bin ich so froh, dass einige in den Selbsthilfegruppen offen mit ihrem HIV-Status umgehen. Selbst innerhalb der Familie oder gegenüber dem Ehepartner wird bisweilen die Infektion verschwiegen. Das Stigma lastet immer noch schwer auf diesen Menschen.

Wie gelangen Sie zu den HIV-Medikamenten, die Sie für ihre HIV-Patient_innen benötigen?

Sie werden von der Regierung zur Verfügung gestellt, das heißt sie werden durch den Globalen Fond finanziert – allerdings nur für die First-Line-Therapie. An Medikamente für eine Second-Line-Therapie zu kommen, ist sehr schwierig. Es bedarf intensiver Suche und Bemühungen, und auch in Bezug auf die Finanzierung. Wir können daher auch nur sehr wenige Patienten mit solchen Second-Line-Medikamenten behandeln.

Was sind Ihrer Ansicht nach die größten Herausforderungen, die Ihr Land bewältigen muss, um die HIV-Epidemie einzudämmen?

Wir müssen Wege finden, wie wir all jene Menschen aufklären können, die wir bislang nicht erreicht haben. Das bedeutet tatsächlich auch: von Haus zu Haus zu gehen, insbesondere in weit entfernt und schwer zugänglich liegenden Dörfern. Nur so können wir die Leute dazu bewegen, sich testen und dann gegebenenfalls auch behandeln zu lassen.

Dazu ist aber auch unbedingt notwendig, dass wir für alle, die sie benötigen, auch eine Second-Line-Therapie anbieten können.

Darüber hinaus wünsche ich mir, dass die Ausstattung der Kliniken verbessert würde. Um ein Beispiel zu nennen: Die Viruslast kann bislang lediglich in einem einzigen Labor in Harare bestimmt werden. Für uns bedeutet dies, dass wir die Blutproben dorthin schicken müssen und mit den Ergebnissen frühestens zwei Wochen später rechnen können.

In besonderem Maße von HIV betroffen sind in Simbabwe auch die Sexarbeiterinnen.

Wie kann deren Situation verbessert werden?

Diese Frauen gehen dieser Arbeit aus einer Notlage heraus nach. Dementsprechend wichtig ist es, für sie Angebote zu schaffen, um auf anderem Wege ihr Leben finanzieren können. Solche Projekte gibt es bereits, doch diese laufen nach einer bestimmten Zeit wieder aus – und den Frauen bleit dann meist nichts Anderes übrig, als der Weg zurück in die Prostitution.

Darüber hinaus wäre es ja auch naheliegend, den Prostituierten zu ermöglichen, sich bei der Sexarbeit durch Kondome vor HIV und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten zu schützen.

Kondome? Ich bin katholisch! (lacht) Für dieses Thema bin ich die falsche Gesprächspartnerin. Wir können eigentlich nur Kondome für HIV-Positive befürworten, damit diese beim Geschlechtsverkehr niemand anderen anstecken können.

Aber natürlich propagieren viele Nicht-Regierungsorganisationen im Gesundheitsbereich und auch die Regierung selbst die Verwendung von Kondomen, und sie werden auch in ausreichender Zahl kostenlos zur Verfügung gestellt. Auch das wird durch den Globalen Fond finanziert.

Die HIV-Prävalenz in Ihrem Land ist immer noch sehr hoch. Ist Simbabwe Ihrer Einschätzung nach auf einem guten Wege?

Gerade was die Mutter-zu-Kind-Übertragung angeht, haben wir wirklich große Fortschritte gemacht. Dank der Prävention und Aufklärung ist nur noch jedes 10. Kind einer HIV-positiven Mutter selbst auch infiziert. Andererseits steigen die HIV-Neuinfektionen derzeit insbesondere unter den jungen Menschen, die immer seltener Kondome verwenden. Für sie stellt HIV offenbar keine Bedrohung mehr dar. Die Aufklärung ist also noch lange nicht abgeschlossen. Aber auch der sexuelle Missbrauch ist ein großes Problem und eine bedeutsame Ursache für HIV-Infektionen. Gerade im Austausch mit Kollegen aus anderen Ländern zeigt sich für mich einmal mehr, wie weit wir in Sachen Prävention, Behandlung und Beseitigung des HIV-Stigmas noch zurück sind.

Sind HIV und Aids im Alltag, in den Medien ein Thema?

Derzeit haben die Menschen nur ein Thema, und das ist das Ende der Mugabe-Ära. Über HIV spricht man aber auch ansonsten nicht sehr viel. Deshalb ist es so wichtig, dass wir immer wieder das Gespräch suchen und HIV zum Thema machen.

Glauben Sie, dass Simbabwe die von UNAIDS angestrebten 90-90-90-Ziele bis 2020 erreichen kann?

Vor einigen Jahren hätten wir niemals gedacht, dass infizierte Mütter HIV-negative Kinder zur Welt bringen würden. Aber wir haben es geschafft. Ich bin deshalb auch guter Hoffnung, dass wir die UNAIDS-Ziele erreichen können. Doch klar ist auch, dass uns dies nur mit Unterstützung der NGOs und des Globalen Fonds gelingen kann.

Interview: Axel Schock

Aktionsbündnis gegen AIDS, 2018